weblog von karin wenger
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 

http://myblog.de/marhaba

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Tulkarem bleibt unter Israels Bewachung
Fliegende Checkpoints statt fixer Strassensperren
Am Dienstag hat die israelische Armee die Strassensperre auf der wichtigsten Zugangsstrasse nach der pal?stinensischen Stadt Tulkarem ger?umt. Stattdessen ?berwachen mobile israelische Patrouillen die Strassen in der Umgebung der Stadt.

Tulkarem, 23. M?rz
Kurz vor Tulkarem steht eine einzige Plasticflasche auf einem Betonquader am Strassenrand. Sie ist das einzige ?berbleibsel der Strassensperre, an der vor wenigen Tagen noch Soldaten hinter Betonbl?cken pal?stinensische Reisende kontrolliert hatten. Doch der erste Eindruck t?uscht. Ein paar hundert Meter weiter haben Soldaten mit ihren Jeeps eine andere Strasse blockiert. An dieser sogenannten fliegenden Strassensperre ?ffnen sie die Kofferr?ume der Autos und verlangen, die Identit?tskarten der Insassen zu sehen. Sie gehen genau gleich vor wie wenige Tage zuvor an ihrem festen Posten. Der einzige Unterschied ist, dass dieser Checkpoint beliebig verschoben werden kann und auf keiner Karte eingezeichnet ist.
Polizisten k?nnen wieder Waffen tragen
Die pal?stinensischen Polizisten und Soldaten im Stadtzentrum sind begeistert von der R?umung des Checkpoints. Sie fahren hupend und mit geschulterten Gewehren die Hauptstrasse hinauf und hinunter. ?Seit zwei Tagen k?nnen wir unsere Gewehre wieder tragen?, freut sich ein Polizist, dessen Kalaschnikow Rost angesetzt hat. Die pal?stinensischen Soldaten haben bereits einige Strassensperren um die Stadt errichtet, die jedoch wenig mehr Bedeutung zu haben scheinen, als dass ein paar Uniformierte am Strassenrand stehen und ab und zu ein Auto anhalten. Die Soldaten sind jedoch anderer Meinung; sie wollen in vier Wochen weitere Sperren um die Stadt aufstellen und glauben, damit israelische Spezialtruppen und Verbrecher davon abhalten zu k?nnen, in die Stadt zu kommen. Checkpoints seien dazu da, den Menschen ein Gef?hl von Sicherheit zu geben, sagt ein Polizist.
Die Studenten an der Quds-Universit?t in Tulkarem glauben nicht daran, dass die israelischen Soldaten nicht mehr in die Stadt kommen werden, um nach Mitgliedern des pal?stinensischen Widerstandes zu suchen. Und dass die pal?stinensischen Soldaten etwas gegen einen israelischen Einfall unternehmen k?nnten, glauben sie schon gar nicht. Nael Rashideh ist sogar ?berzeugt, dass mit der R?umung des einen Checkpoints das Leben noch m?hsamer geworden ist. ?Zuvor wusste ich, dass ich um sieben Uhr das Haus verlassen muss, um rechtzeitig an die Uni zu kommen. Jetzt ist meine Reisezeit nicht mehr kalkulierbar, weil die Israeli ?berall um die Stadt fliegende Checkpoints aufstellen.? Auch die Soziologiestudentin Hana Tumeh reist jeden Tag aus einem Dorf in der N?he von Tulkarem an. Die Diskussion um den Checkpoint, so sagt sie, lenke von den tats?chlichen Problem ab. Wenn Israel wirklich einen Schritt in Richtung Frieden machen wolle, dann m?ssten die Abkommen von Oslo erf?llt werden. Hana nennt die Probleme beim Namen: das R?ckkehrrecht der Fl?chtlinge, die Gefangenen, den israelischen R?ckzug hinter die Grenzen von 1967.
?Inszenierung f?r die Medien?
Amer Gatawa, der Direktor des B?ros f?r Tourismus und Antiquit?ten, erkl?rt resigniert, Tourismus gebe es in der Region Tulkarem schon lange nicht mehr und daran werde auch eine wegger?umte Sperre nichts ?ndern. Die Vitrinen des arch?ologischen Museums, das sich unter demselben Dach wie das Tourismusb?ro befindet, wurden nach der israelischen Invasion im Jahr 2002 geleert und die Ausstellungsst?cke versteckt. Vorl?ufig bleiben sie im Versteck. ?Sobald die Pal?stinenser erkennen, dass sich die Situation nicht grundlegend ?ndert?, sagt Gatawa, ?dann ist es wieder vorbei mit der Ruhe. Die Selbstmordattentate werden wieder zunehmen.?
?Dies ist nur eine tempor?re L?sung. Bald werden wir wieder bis zu den Knien im Blut stecken?, prophezeit auch ein Taxifahrer, der mit seinen Kollegen im Zentrum von Tulkarem steht. Das Tamtam um die R?umung des Checkpoints, das sei vor allem eine Inszenierung f?r die Medien, sind sich die M?nner einig, denn w?hrend an einer der zwei Zugangsstrassen eine Blockade aufgehoben worden sei, sei auf der anderen Strasse eine neue errichtet worden. Zudem sei das Tor von Anab auf der Strasse nach Nablus nicht demontiert, sondern lediglich ge?ffnet worden. Das k?nne jederzeit wieder geschlossen werden.
Neben den Taxifahrern steht ein Lieferwagen mit ein paar Kisten Zucchini im Laderaum. Unter der ge?ffneten Motorhaube fischt ein Mann mit ?lverschmierten Fingern in den Eingeweiden seines Gef?hrts und flucht leise vor sich hin. Der Transporteur bringt Gem?se und Fr?chte von den D?rfern nach Tulkarem. Er sagt, mit oder ohne die ger?umte Strassensperre bleibe f?r ihn alles gleich, er habe schliesslich eine Reisegenehmigung. Dann wendet er sich wieder seinem Laster zu und murmelt: ?Der Motor, der Motor, der ist das Problem.? Auf der Strasse, die s?dw?rts aus Tulkarem hinaus f?hrt, passieren wir zwei fliegende Kontrollposten der israelischen Armee.




Marhaba!
Von Beduinen haben wir wohl alle ein Bild, das irgendwo wildromantisch in Kinderb?chern seine erste F?rbung erhalten hat. Bloss, wie zeitgerecht ist dieses Bild? Ich habe die Beduinen entlang der Hauptsrasse von Jerusalem nach Jericho besucht ? und musste danach einige Bildkorrekturen vornehmen.

Alles Liebe
Karin


Der Weg zu den Beduinen ist ganz einfach zu finden: Auf der Hauptstrasse von Jerusalem nach Jericho sucht man sich einen M?llwagen und l?sst nicht mehr von ihm ab. Unser M?llwagen hat seinen rostigen Lademund geschlossen, kleine Besen sind an Scharnieren befestigt und sein breiter Po schr?nkt die Sicht ein. Jeremy Milgrom steuert mit stoischer Ruhe hinter dem Wagen her. Der amerikanische Rabbiner streift sich seine Kippa von den Locken, die in wirren Windungen bis auf seine Schulter fallen und murmelt mehr zu sich selbst: ?Ich muss ja nicht unn?tig auffallen.? Der Mann, der l?ngst das Alter eines Familienvaters von erwachsenen Kindern erreicht hat, ist seit Jahren ein Begleiter und Helfer der beduinischen Gemeinschaft. Dem j?dischen Glauben zwar tief verbunden, ist er jedoch nicht mehr aktiv als Rabbiner t?tig. Denn mit Judentum, so sagt er, habe dieser Staat schon lange nichts mehr zu tun und er mache dann doch lieber etwas Sinnvolles, als einer komplett verfahrenen Gesellschaft zuzureden.

Abgebogen von der Hauptstrasse, durch ein Dorf gefahren, einmal um einen H?gel herum, verlangsamt der M?llwagen und f?hrt an einem Schild vorbei, auf dem in hebr?ischer Schrift steht: ?Verbot! Der Zugang zur M?lldeponie ist f?r Unberechtigte strengstens verboten?. Der Rabbiner h?lt sich nicht an das Verbot. Hinter einer weiteren Kurve zahlt unser M?llwagenfahrer gerade f?r seine Last und passiert eine Barriere. Ein H?gel, so hoch wie ein Grossstadtwolkenkratzer biegt sich in den Himmel. Die Ausg?sse, Hausr?te, Wegwerft?ten der nicht erw?nschte Auswurf von Jerusalem und der israelischen Siedlung Maale Adumim stapeln, schichten, quetschen sich hier in einer stinkenden Masse. Wir kehren zur?ck zum Verbotsschild und biegen rechts in eine kleine Strasse ein. Am Strassenrand auf dem H?gel wird an einer neuen Moschee gebaut, dahinter stehen Container und Blechh?tten, ein Huhn stolpert ?ber einen Draht. Das ist das Reich der Beduinen. Beverly Hills der Beduinenst?dte nennt es Jeremy weil hier die 150 Familien Wasser erhalten und die Deutschen, Franzosen und einige karitative Gesellschaften und Verb?nde die Infrastruktur f?r Schulen und ein Frauenzentrum gestiftet haben. Der Strom hangelt sich in einem gr?nen Draht, abgezwackt von einer anderen Stromleitung, den H?gel hinauf. Kommt er hier an, ist er gerade mal so stark, um eine schwibernde Soapopera auf die Fernsehbildschirme zu schieben. Die Regierung war nicht bereit eine Leitung von der Starkstromleitung, die in Sichtweite zur M?lldeponie f?hrt, ins Beduinenlager zu legen.

Leer stehen die Wohncontainer, von der Gr?sse von kleinen WC-Wagen am Sechsel?uten, die im Sommer heiss wie Eisen und im Winter kalt sind. Die israelische Regierung hat sie f?r die Beduinen auf den H?gel gestellt, als diese zum dritten Mal vom Land, auf dem sie gehaust haben, verjagt wurden. Mit der Staatsgr?ndung 1948 wurden einige Beduinen aus der W?ste Negev vertrieben, dann, 1978, breitete sich dieser Staat aus, die Siedlung Maale Adumim wurde aus dem Boden gestampft und die Beduinen mussten r?cken. Und schliesslich machte sich diese Siedlung breit, legte an H?usern und Fett zu. Zum Gl?ck war da noch der H?gel neben der M?lldeponie. Denn ganz los werden will man die Beduinen auch nicht, sie sind billige Arbeitskr?fte in den Siedlungen und sie machen keine Probleme, weil sie diese Arbeit nicht verlieren wollen.

In der kleinen Gemeinschaft, auf der unentwegt der Geruch von brennendem Abfall klebt, hat sich an diesem Morgen bereits reges Leben verbreitet. In einem Wohncontainer lernen vier Frauen das arabische Alphabet, Kinder rennen mit Glac?s ?ber den Platz und rufen ?Jeremy, Jeremy, how are you?? Dieser sagt, dass die Beduinen nicht gl?cklich seien, die M?dchen und Burschen in denselben Klassen zu haben, aber was solle man machen, zum h?tten sie eine Schule. Das Problem seien die Jungs auf dem H?gel, sagt der Rabbiner, diese verliessen oft schon mit 12, 13 Jahren die Schule, um in der Siedlung zu arbeiten. Neben die Schulcontainern sind H?tten gepflanzt, manche mit Brettern und Wellblechdach, andere aus Beton. M?tterchen schieben Brotteig in einen Steinofen und Ziegen trippeln ?ber den Dreck und Abfall, der auch hier ?berall liegt.

Wer kann, der zieht ins Dorf. Im Dorf am Fusse des H?gels sind M?nner vom H?gel gerade dabei ein Internet Caf? einzurichten. Ein paar private Sponsoren haben es m?glich gemacht, Computer zu kaufen. Jetzt muss nur noch der Strom fliessen, der es an diesem Tag jedoch nicht bis in die Steckdosen des frisch gestrichenen Lokals schafft. Deshalb sitzen die M?nner auf den Steinstufen und trinken ges?ssten Pfefferminztee. Er sei zufrieden, sagt Saleh, der auf dem H?gel wohnt. Saleh putzt das Schwimmbad in Maale Adumim. Ob er selbst schon einmal darin gebadet habe? Der Mann schaut mich unverst?ndlich an, ?nat?rlich nicht?, sagt er dann.

Beduinen. Wer sind sie jetzt, wo doch wenig mehr als ein paar Ziegen von ihrem Leben ?brig geblieben ist? Sind sie Pal?stinenser? Pal?stinenser mit einer blauen Jerusalem Identit?tskarte? Beduinen? ?Beduinen-Pal?stinenser?, sagt Saleh und Jeremy erl?utert das Problem: ?Der Unterschied zwischen den Stadt-Pal?stinensern und den Beduinen-Pal?stinensern wird immer kleiner, weil die Israeli die Beduinen dazu zwingen sich anzusiedeln. Aber jetzt wachsen die sozialen Ungerechtigkeiten innerhalb der Gemeinschaft: einige finden Arbeit und k?nnen in die Stadt ziehen, andere bleiben arm auf dem Berg.?

Und dann sagt Jeremy: ?Eine j?dische Demokratie ist ein Witz. Unser Staat ist mit dem Judentum verschmolzen und das Judentum war nie so nationalistisch wie heute. Was n?tzt es, wenn wir die religi?sen Wert nur in unserem Haus anwenden und alle anderen diskriminieren?? Fr?her, vor der Staatsgr?ndung, da sei das Judentum in Pal?stina noch viel n?her am Islam gewesen, es habe sich dabei um eine Religion der Gemeinschaft gehandelt. Wie niemand hier, der weder Sch?nf?rber noch naiv ist, ist Jeremy auch f?r die Zukunft wenig optimistisch. ?Wir haben bereits die Apartheid. Sp?ter, in ein paar Jahrzehnt, wird es formal vielleicht keinen j?dischen Staat mehr geben, aber das Geld, das Land, das wird weiterhin in israelischen H?nden bleiben.?

Die Siedlung Maale Adumim ist sch?n. Man k?nnte auch sagen ?gepflegt?, ?wohlhabend? oder ?westlich?, aber eigentlich ? und sieht man mal von dem Checkpoint am Eingang ab, bei dem jedoch alle mit westlichen Gesichtern durchgewinkt werden ? ist die Siedlung sch?n. Die G?rtner haben Blumen zwischen den Strassen gepflanzt und auf dem Kreisel in der Mitte der Stadt steht eine fl?gelartige Skulptur von der Wasser pl?tschert. Daneben lockt ein Einkaufszentrum, auf einem Platz spielen junge M?nner Basketball und M?dchen stehen mit Schulranzen auf dem Trottoir. Von der Strasse sieht man auf das Schwimmbad, wahrscheinlich ein 40 Meter Becken, das Saleh putzt. Zu dieser Jahreszeit ist noch kein Wasser eingelassen ist. Die Leute schwimmen im Hallenbad.

Eine Frau mit einem Kopftuch geht langsam der Strasse entlang. Sie will nicht recht in dieses Stadtbild passen. Von wo sie denn komme? Aus Jericho. Was sie denn hier mache? Sie putze H?user.


24.3.05 11:31
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung