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Die Einsamkeit der Fatah-Führer des Gazastreifens

Von der Nostalgie zur Illusion einer Rückkehr an die Macht

Zwei Monate nach der Übernahme des Gazastreifens durch die Hamas sind viele hohe Fatah-Funktionäre zuversichtlich, dass ihre Rückkehr an die Macht nur eine Frage der Zeit sei. Anzeichen dafür, dass ihre Hoffnung Wirklichkeit werden könnte, gibt es kaum.
9. August

Bei der gewaltsamen Übernahme des Gazastreifens durch die Hamas Mitte Juni sind einige Fatah-Anhänger nur knapp mit dem Leben davongekommen. Der junge Mann mit der goldgerahmten Brille, der in einem schicken Café in Ramallah sitzt und wie ein Student aussieht, ist einer von ihnen. Er will nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden und soll hier deshalb nur Samer heissen. Samer war Offizier der Präventivsicherheit in Gaza, eines für Gewalt und Unberechenbarkeit berüchtigten Sicherheitsdienstes in den Händen der Fatah. Dieser Sicherheitsdienst widmete sich mit Verve der Bekämpfung von Hamas-Mitgliedern und tut dies im Westjordanland noch immer. Auf der Hamas-Liste der Todeskandidaten stehe er deshalb weit oben, sagt Samer.
Verlassen und überrumpelt

Samers Hauptaufgabe bestand jahrelang darin, das Netzwerk der Hamas auszuspionieren, den Waffenschmuggel zu unterbinden und die Drahtzieher von Bombenanschlägen und anderen Aktionen zu verhaften. Zu den Gefangenen und Gepeinigten gehörten auch viele der heutigen militärischen und politischen Führer der Hamas. Dass die Präventivsicherheit bei den Festnahmen und Verhören nicht zimperlich vorging, das gibt Samer offenherzig zu. Schlafentzug und aufrechtes Stehen während 36 Stunden seien gängige Methoden gewesen, die sie in Ausbildungskursen in Amerika, England oder Frankreich gelernt und dann regelmässig bei den Gefangenen angewendet hätten.

So ist es nicht erstaunlich, dass weder die Kassam-Brigaden noch die Exekutivkräfte der Hamas brüderliche Gefühle für die Präventivsicherheit und Samer im Besonderen hegten. Während bekannte Führer der Organisation wie Mohammed Dahlan bereits lange vor dem Fall Gazas das sinkende Schiff verliessen, harrte Samer weiterhin aus. Nur einmal, nachdem im Januar die Kassam-Brigaden sein Auto in die Luft gesprengt hatten, ging er für zwei Monate in die Türkei, kehrte dann jedoch zurück. Er erhielt regelmässig Telefonanrufe, in denen die Kassam-Brigaden drohten, ihn zu töten. Auch den bevorstehenden Handstreich hätten er und seine Kollegen geahnt, erzählt Samer, sie hätten aber aus Ramallah die Anweisung erhalten, sich still zu halten und sich im Notfall nur zu verteidigen.

Als dann Mitte Juni Tausende von Kämpfern der Kassam-Brigaden und der Exekutivkräfte die Gebäude der Sicherheitskräfte der Autonomiebehörde im Gazastreifen umringten und von der Aussenwelt abschnitten, war das Spiel innert fünf Tagen entschieden und verloren. Führungslos und seit Monaten ohne Lohn, war den Männern der Präventivsicherheit und der anderen Sicherheitsdienste die Motivation abhanden gekommen, sich zu verteidigen. Nicht einmal die Präsidentengarde, die in den Monaten zuvor mit amerikanischen Waffen aufgerüstet worden war, liess sich auf den Kampf ein.
Der General

Wer konnte, der floh; auch Samer. Er versteckte sich einige Tage und gelangte dann gemeinsam mit seinem Bruder, einem Offizier der Präsidentengarde, über den Übergang von Erez nach Israel und nach Ramallah. Heute ist er mit seinen 30 Jahren ein pensionierter Soldat. Für seine Führung hat er wenig Achtung übrig. Gaza nennt er einen Ort der Tiere und Wilden, einen Ort, an den er nicht mehr zurückkehren kann.

In diesem Gaza wohnt noch heute Samers Vater Abu Samer, der den Rang eines Generals trägt. Heute fährt er jedoch das Auto seiner Frau und keines seiner drei Dienstautos, auch seine Uniform trägt er nicht mehr. Die Hamas hat ihm die Dienstautos abgenommen, und in diesen Zeiten ist es besser für die verbleibenden hohen Fatah-Männer, in Gaza nicht aufzufallen. Trotzdem hat Abu Samer nicht die Absicht, den Gazastreifen zu verlassen. Er sei als Kampfgefährte Arafats in Israel, Kuwait, Jordanien, Libanon und in Syrien im Gefängnis gesessen und fürchte sich nicht vor der Hamas, sagt der weisshaarige Mann. Trotzdem betont er immer wieder, dass Vorsicht geboten sei, wo immer er in Gaza hingehe.

Um zu retten, was noch zu retten war, hatte Abu Samer vor der Hamas-Übernahme sechzehn Kalaschnikows in seinem Garten versteckt. Die Nachbarn verrieten ihn jedoch, und so holten die Exekutivkräfte der Hamas nicht nur die Gewehre, sondern auch die Dienstautos, stahlen, wie er sagt, Geld aus seiner Wohnung und liessen sich in seinem Büro im Gebäude der Präsidentengarde nieder. Auch die anderen Leute der Sicherheitsdienste händigten ihre Waffen entweder freiwillig aus oder wurden dazu gezwungen.

Abu Samer zuckt mit den Schultern. Er ist froh, dass seine Söhne in Sicherheit sind. Sein geräumiges Haus hat er behalten, auch seine Zweitwohnung, zudem erhält er regelmässig seinen Lohn aus Ramallah. Auch seine Frau, die in einem Ministerium arbeitet, bezieht weiterhin ihren Lohn, und das, obwohl sie nicht mehr zur Arbeit geht. Denn der Krieg zwischen der Fatah und der Hamas geht weiter: Abbas zahlt aus Protest gegen die Hamas nur noch jenen Angestellten der Autonomiebehörde in Gaza ihren Lohn, die nicht mehr zur Arbeit erscheinen, die anderen müssen von nun an aus der Kasse der Hamas leben. Für die Zukunft ist Abu Samer zuversichtlich: «In zwei, drei Monate werden wir hier wieder das Ruder übernehmen.»

Auch Ibrahim Abu Naja, der zweithöchste Vertreter der Fatah im Gazastreifen, zweifelt nicht daran, dass die Fatah innerhalb von kürzester Zeit das Ruder in Gaza wieder übernehmen wird. Mit der Miene eines palästinensischen Napoleon sitzt er im besten Hotel Gazas und zwirbelt seinen buschigen Schnauz. Er zählt die Chefposten auf, die er innehat oder, besser gesagt, hatte. Die Fatah müsse nur das Vertrauen der Leute zurückgewinnen und ihnen zeigen, wie schlecht die Hamas sei, sagt er. Wie sie das machen wolle, sei jedoch ein Geheimnis. Auch worin seine Arbeit als hoher Fatah-Vertreter im Gazastreifen heute besteht, ist streng geheim. Klar sei jedoch, dass er nicht mehr mit der Hamas spreche, denn das seien Mörder und Lügner.
«Die Zeiten der Fatah sind vorbei»

Ein Mitarbeiter des Büros von Präsident Abbas scheint weniger zuversichtlich als die abgehalfterten Fatah-Grössen von Gaza. Der Mann, der nicht mit Namen genannt werden will, sieht den Grund für den Verlust des Gazastreifens in der Arroganz und der Ignoranz der Fatah-Leute. Die Fatah habe von langer Hand die Niederschlagung der Hamas im Gazastreifen geplant, sagt er, die Hamas sei diesem Plan ganz einfach zuvorgekommen und habe dank ihrer besseren Organisation die Überhand gewonnen. Viele der verarmten Mitarbeiter der Sicherheitsdienste hätten ihre Waffe der Hamas verkauft. Heute verfüge weder der Präsident noch sonst jemand in der Fatah über einen Plan, wie der Gazastreifen zurückzugewinnen sei.

Das Fiasko im Gazastreifen hat die Fatah mit einer internen Untersuchung zu verstehen gesucht. Dahlan, der starke Mann der Sicherheitsdienste im Gazastreifen, ist bei Abbas in Ungnade gefallen und hat sich ins Ausland abgesetzt. Die Hamas hält die Zügel im Gazastreifen in den Händen und wird sie nicht freiwillig abgeben. In der Bevölkerung ist kaum einer zu finden, der der korrupten Fatah-Garde eine Träne nachweint. Die politische Zukunft liege wohl weder in den Händen der Fatah noch jenen der Hamas, sondern einer dritten, unabhängigen Partei, glaubt der Mitarbeiter des Präsidenten. Die Zeiten der Fatah seien ohne Zweifel vorbei. Und wer etwas anderes behaupte, sei ein Nostalgiker oder Lügner.
22.8.07 15:55


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