weblog von karin wenger
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Jenin, Jenin!

Vor fünf Jahren hat die israelische Armee das Flüchtlingslager der Stadt Jenin im Westjordanland in mehrtägigen Kämpfen erobert und teilweise zerstört. An die Stelle der Trümmerhaufen sind neue Häuser getreten, doch die Erinnerung an die Schrecken der Kämpfe und die Frustration über die Besetzung sind geblieben.




Nie hätte der Ambulanzfahrer Said Abu Hisham gedacht, dass er einmal ein so geräumiges Haus besitzen würde. Das Haus hat vier Zimmer, in denen Abu Hisham mit seiner Frau und seinen sieben Kindern wohnt. Vom Balkon aus sieht man bis zum Fussballfeld und an die Mauern der neuen zweistöckigen Nachbarhäuser. Die Strassen sind breit, so breit, dass sich jeder israelische Panzer darin bewegen könnte, wie manche Bewohner feststellen. Abu Hisham sagt jedoch, dass die israelische Armee nur ganz selten in den neuen Teil des Lagers von Jenin komme. Nur einmal habe sich eine Kugel ins Wohnzimmer verirrt und in die Wand gebohrt. Abu Hisham hat das Loch mit einem Bild von Scheich Zayed, dem verstorbenen Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, verdeckt. Diesem habe er schliesslich sein neues Haus zu verdanken, nachdem sein altes in der israelischen Invasion im Jahr 2002 plattgewalzt worden sei.


Dreizehntägige Schlacht
Als die israelische Armee am frühen Morgen des 3. April 2002 mit Panzern, Bulldozern und Jeeps in Richtung Jenin vorrückte, sass Abu Hisham im Spital und wartete auf seinen Einsatz. Alle im Flüchtlingslager hätten geahnt, dass eine grosse Militärinvasion bevorstehe, und jeder habe sich auf seine Art darauf vorbereitet. Wenige Tage zuvor hatte sich ein palästinensischer Selbstmordattentäter in einem Hotel in Netanya in die Luft gesprengt und 30 Israeli getötet. Der Attentäter stammte zwar nicht aus Jenin, aber das Dutzend Selbstmordattentäter aus dem Flüchtlingslager und seiner unmittelbaren Umgebung hatte dieses zur Brutstätte des Terrorismus gestempelt. So brachte Abu Hisham Frau und Kinder zu Verwandten im Zentrum des Flüchtlingslagers, wo sie vor Panzern und Bulldozern besser geschützt sein würden. In den engen Gassen hängten Kämpfer der Aksa-Brigaden Spiegel auf, um die Soldaten frühzeitig zu sehen, und legten Munition bereit.


Bald nach dem Beginn der Kämpfe glaubte Abu Hisham, dass seine Familie umgekommen sei. «Ich sah Raketen, ich hörte Panzer, aber von meinen Verwandten, meiner Frau und meinen Kindern hörte ich nichts. Die Telefone funktionierten nicht, und die Armee hat unsere Ambulanz während der ganzen Belagerung nicht ins Lager gelassen», erzählt er. Doch seine Familie harrte im Untergeschoss eines Hauses ohne Wasser und Elektrizität aus. Am vierten Tag, als die Bulldozer dabei waren, Haus für Haus im Flüchtlingslager plattzuwalzen, wagte sich Abu Hishams Bruder mit einer weissen Fahne aus dem Gebäude, um zu verhindern, dass die Familie unter Trümmern begraben würde. Der Traxfahrer liess sie in einem anderen Gebäude Zuflucht suchen.


Dreizehn Tage lang dauerte die Schlacht. Abdelrazek Abu Haya, Mitglied des Wiederaufbaukomitees und ehemaliger Lagerverwalter des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge, sagt, es seien 487 Häuser ganz sowie 1500 Häuser, eine Moschee und eine Schule teilweise zerstört worden. 52 Palästinenser, unter ihnen 30 Kämpfer, und 23 israelische Soldaten wurden getötet, beinahe 300 Palästinenser wurden verletzt. Als die Armee abzog, gehörte Abu Hisham zu den Ersten, die ins Lager zurückkehrten. «Die Luft war voller Staub, die Häuser zerstört und überall Menschen, die hilflos herumirrten. Ich fand mich nicht mehr zurecht.»


Der Scheich zahlt den Wiederaufbau
Von Abu Hishams Haus blieb wenig mehr als Schutt, so dass er mit seiner Familie für eineinhalb Jahre in die Stadt Jenin zog. Sein Vater sei jeden Tag um sechs Uhr morgens ins Lager gegangen, erzählt Abu Hisham. Er habe den Tag auf den Trümmern seines Hauses verbracht und sei abends wieder zurückgekommen. 1948 war Abu Hishams Vater aus Haifa vertrieben worden; den Verlust seines zweiten Heimes hat er nicht mehr verkraftet und ist bald darauf gestorben.


Der Wiederaufbau der zerstörten Teile des Lagers wurde von den Vereinigten Arabischen Emiraten finanziert. Mit ihrer grüngesprenkelten Kuppel thront die neue Moschee am Eingang des Lagers, in dem heute 15 000 Menschen leben. In jenem Teil des Lagers, der von den Bulldozern verschont blieb, stehen graue, schäbige Betonhäuser so eng beieinander, dass man mancherorts mit beiden Schultern die Hauswände streift.


Im alten wie im neuen Teil des Lagers sind die Mauern noch immer mit Plakaten mit den Fotos von jungen Palästinensern, die von israelischen Soldaten getötet wurden, beklebt. Kinder rennen barfuss durch die Gassen, und ein Jugendlicher, kaum älter als fünfzehn Jahre, schwingt eine Maschinenpistole wie ein Spielzeug in der Luft. «Wir wissen nicht mehr, was wir mit den Kindern und Jugendlichen machen sollen. Sie sind aggressiver und gewalttätiger denn je. Kaum einer, der nicht ein Messer oder eine Pistole besitzt», sagt Abu Haya ratlos.


An Nachwuchs mangle es ihm nicht, stellt Zakaria Zubeidi fest, der Anführer der Aksa-Brigaden in Jenin, einer der von Israel meistgesuchten Kämpfer im Westjordanland. Der 31-Jährige sitzt in einem rosagestrichenen Zimmer im Flüchtlingslager und raucht langsam und in vollkommener Gelassenheit seine Zigaretten. Yoga helfe ihm, sich trotz der ständigen Furcht vor dem Tod zu entspannen. Obwohl er verheiratet ist und zwei Kinder hat, schläft er nie zu Hause, geht in kein Restaurant und hält sich nie länger als ein paar Stunden am selben Ort auf. Er studiert Soziologie an der offenen Universität in Jenin, aber ausser zu den Prüfungen lasse er sich nicht an der Universität blicken, sagt Zubeidi. Zu gross sei die Gefahr für ihn und seine Mitstudenten, von israelischen Soldaten überrascht zu werden.


Gejagt wurden Zubeidi und seine Mitkämpfer von den Israeli schon 2002. Einen Monat vor dem israelischen Vorstoss ins Lager war Zubeidis Mutter getötet worden, vom wem ist bis heute nicht klar. Während der Invasion wurden sein Bruder und sein Onkel getötet. Sie seien zweihundert Kämpfer gewesen, erzählt Zubeidi, die gegen zweitausend Soldaten gekämpft hätten. Die Soldaten hätten versucht, die Kämpfer an einem Ort einzuschliessen, um sie danach zu töten oder gefangen zu nehmen. Er sei den Bulldozern gefolgt, habe sich sechs Tage in den Trümmern versteckt und nur deshalb überlebt. «Zuerst fühlten wir uns als Sieger, weil sie nicht alle von uns getötet oder verhaftet hatten. Heute glaube ich, dass nur die Bulldozer gewonnen haben. Gegen sie waren wir machtlos», sagt Zubeidi.


Wie viele Kämpfer sich heute noch im Lager aufhalten, will er nicht sagen. Und obwohl er sich nicht über Nachwuchsprobleme beklagt, sind ihm die Müdigkeit und die Frustration über die anhaltende Besetzung anzumerken. Nächtliche Scharmützel mit den israelischen Soldaten seien das Einzige, worein er und seine Kollegen noch verwickelt seien. Die Freiheit jedoch, für die er kämpfe, sei weiter weg denn je. «Die internen Kämpfe haben uns schwach gemacht. Die Intifada schläft. Am meisten enttäuscht bin ich von unseren politischen Führern. Ihr Programm ist nicht in erster Linie ein Programm zur Befreiung Palästinas, sondern zur Arbeitsbeschaffung und Selbstbereicherung.»


Wache Fussballmannschaft
Obwohl die Aksa-Brigaden der militärische Arm der Fatah sind, hat sich Zubeidi längst von der Partei gelöst. Minister und politische Führer ohne Staat seien Puppen und Blender. Besser wäre es, meint Zubeidi, die Autonomiebehörde aufzulösen, damit Israel die Verantwortung für die Besetzung übernehmen müsste. Auch für die neue Einheitsregierung findet Zubeidi keine lobenden Worte. Die Hamas habe sich wie ein Dressurpferd einspannen lassen im politischen Zirkus. Die Regierung werde nicht länger als ein halbes Jahr bestehen, dann nämlich ende die saudische Finanzunterstützung.


Abu Hisham ist weniger pessimistisch. Sein altes Leben sei zwar in den Trümmern des alten Hauses begraben worden, aber er habe jetzt ein schönes Haus, und seine Familie habe überlebt. Am Tag nach dem Marsch zum Gedenken an die Zerstörung, die Toten und Verletzten der israelischen Invasion finde ein Fussballturnier statt. Denn Scheich Zayed habe auch einen neuen Fussballplatz finanziert und die Mannschaft des Flüchtlingslagers habe in den letzten Jahren immer gewonnen, sagt Abu Hisham und präsentiert stolz seine Medaillen.
27.4.07 10:40


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