weblog von karin wenger
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 

http://myblog.de/marhaba

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
?Jetzt k?nnen die Israeli noch harter zuschlagen?

Gaza, Ende Oktober

Zwei Betonpfeiler staksen aus dem Boden. Es sind die ?berreste der Br?cke, ?ber die die Siedler noch vor rund einem Monat nach Gush Katif im S?den des Gazastreifens gefahren sind. Abu Holi, wurde die Br?cke genannt, unter der die Pal?stinenser nur unter Megaphon-Anweisung israelischer Soldaten durchfahren konnten und die den Gazastreifen in S?den und Norden trennte. Oft war die Durchfahrt f?r die Pal?stinenser stundenlange, manchmal sogar tagelange gesperrt. Nach dem Abzug des letzten israelischen Soldaten Mitte September existiert kein Abu Holi mehr. Die Strandstrasse wurde wieder ge?ffnet und der Weg von Gaza Stadt nach Khan Yunis oder Rafah im S?den kann man in einer guten halben Stunde im Auto zur?cklegen.

Im Sammeltaxi, das eben die zwei Betonpfeiler bei Abu Holi passiert hat, starren die Leute jedoch ohne ein Anzeichen der Freude aus dem Fenster. Zwei Frauen vergleichen die Preise der Tomaten und Gurken auf dem Markt in Gaza und jenem in Rafah. Eine beklagt sich ?ber Kopfschmerzen, die ihr die israelischen F16 Kampfjets seit der letzten Nacht bescheren. ?Jetzt, da die Siedler weg sind, k?nnen die Israeli noch h?rter zuschlagen?, seufzt die Frau. In den vergangenen Tagen und N?chten flogen die israelischen F16 so tief ?ber dem Gazastreifen, dass ihre ?berschallknalle wie Bomben krachten und die Fensterscheiben von den Druckwellen barsten. Begonnen hatten die kollektiven Vergeltungsaktionen, nachdem israelische Soldaten im Westjordanland ein Mitglied des islamischen Jihad erschossen hatten. Daraufhin feuerten Pal?stinenser Raketen aus dem Gazastreifen nach Sderot, worauf die Israeli wiederum mit F16 reagierten, die die Menschen w?hrend der Nacht alle zwei Stunden aus dem Schlaf schreckten.

Auch Enmira, eine 26-j?hrige Russin, wirkt ver?ngstigt. Nach dem Abzug der Siedler, als an der ?gyptischen Grenze allgemeines Chaos herrschte, ist sie durch ein Loch in der Mauer nach Rafah gelangt. Hier, im Fl?chtlingslager Sultan gleich neben Rafah, wohnt ihr Mann Raed mit der gemeinsamen Tochter Diana. Das Paar hatte sich in den 90er Jahren in der russischen Stadt Ulyanovsk kennengelernt und sp?ter geheiratet. Raed hatte in Russland Medizin studiert und kehrte im Jahr 2002 wegen Arbeitsmangeln in den Gazastreifen zur?ck. Enmira erhielt nach Ausbruch der Intifada von den Israeli keine Einreiseerlaubnis in den Gazastreifen und befindet sich nun ohne g?ltige Papiere hier. ?Ich h?tte gedacht, dass es jetzt ohne die Siedler ruhiger wird?, sagt sie, die wenig hoffnungsvoll in die Zukunft blickt. Die studierte Automobilingenieurin ist zur Zeit an Haus und Herd gebunden. Eine Automobilindustrie existiert im Gazastreifen nicht und ohne Aufenthaltsbewilligung sind auch ihre Reisem?glichkeiten limitiert. Doch auch wenn sie die n?tigen Papiere h?tte, die Grenze zu ?gypten ist geschlossen und der Gazastreifen hat sich in den letzten Wochen mehr denn je in ein Gef?ngnis verwandelt.

Mindestens f?r den Grenz?bergang in Rafah haben sich der israelische Sicherheitsminister Mofaz und der ?gyptische Pr?sident Mubarak am vergangenen Mittwoch auf eine Vereinbarung geeinigt. Der Grenz?bergang soll in Zukunft unter Aufsicht der Pal?stinenser, der ?gypter und einer europ?ischen Drittpartei f?r Personen wieder ge?ffnet werden. Wann das sein soll, bleibt aber weiterhin unklar. Auch alle anderen Hauptverhandlungspunkte bleiben weiterhin ungel?st oder blosse Prinzipienabkommen. So besteht f?r die Passage, die den Gazastreifen mit dem Westjordanland verbinden soll lediglich technische L?sungsvorschl?ge. Der Bau des Hafens wurde zwar von den Israeli genehmigt, wann er beginnen soll, ist jedoch auch nicht klar und schon gar nicht, ob er jemals in Betrieb genommen werden kann. Der Flughafen in Rafah wird von den Israeli weiterhin als zu hohes Sicherheitsrisiko eingestuft und die Wiederinstandstellung der Rollbahn wird deshalb nicht einmal diskutiert. Beim G?tertransport, dem sogenannten T?r-zu-T?r Transport, bei dem die Ware nicht mehr an jedem Checkpoint auf einen anderen Laster umgeladen werden m?sste, scheiterten die Verhandlungen bislang an den Sicherheitsanforderungen der Israeli. Nach Angabe von Nigel Roberts, dem Weltbank Vertreter im Westjordanland und dem Gazastreifen, konnten Gaza im vergangenen Monat nur gerade 35 bis 50 Laster durch den G?ter Checkpoint von Karni verlassen. Das ist ein Viertel der Laster vor dem Abzug. Und der Personen?bergang in Erez bleibt so menschenleer wie in den letzten Monaten. ?Die Erwartungen waren h?her, als das, was bisher geschah?, sagt Omar Shaban, ein Wirtschafter im Gazastreifen. Die Ver?nderungen seien deshalb vor allem psychologischer Art und Weise: die Bev?lkerung sei nicht mehr direkt mit den Israeli konfrontiert und die Bewegungsfreiheit innerhalb des Gazastreifens sei besser. Doch von L?sungen k?nne nicht die Rede sein, denn diese best?nden wenn, dann h?chstens als Prinzipienerkl?rungen.

Die israelischen Hauptargumente, die gegen mehr Freiheit, mehr ?ffnung sprechen sind Terrorismus und Sicherheit. Gideon Ezra, der israelische Minister f?r Innere Sicherheit, sagt: ?Alles h?ngt vom Terror ab. Nur wenn die Pal?stinenser den Terror bek?mpfen und f?hig sind, die Grenze zur Rafah zu kontrollieren, k?nnen wir ?ber mehr Grenz?ffnung sprechen.? Dass die israelischen Vergeltungs- und anhaltenden T?tungsaktionen, sowie die Gef?ngnissituation im Gazastreifen den Terror n?hrt, das glaubt Ezra nicht. Er sagt, alles h?nge von den Pal?stinensern ab. Dass er diesen jedoch nicht all zu viel Vertrauen entgegenbringt, zeigt sich in Ezras Sicherheitsverst?ndnis. ?Wenn es um israelische Sicherheit geht, dann werden wir auf niemanden h?ren.?

Tats?chlich ist es um die pal?stinensische Sicherheitssituation nicht gut bestellt. Viele Milit?r- und Sicherheitseinrichtungen wurden im Laufe der Intifada vom israelischen Milit?r zerst?rt. Der Polizei war es bis vor kurzem nicht erlaubt, Waffen zu tragen. Zudem wuchsen unter Arafat diverse sich rivalisierende Sicherheitsdienste heran, die seit dem Tod des Rais ausser Kontrolle geraten sind. Der Gazastreifen wird in weiten Teilen von der militanten Hamas kontrolliert. Diese haben bereits ehemalige Sicherheitsposten der israelischen Armee ?bernommen. Die Polizei begn?gt sich aus Angst vor bewaffneten Gruppen mit ihrer Rolle als Statisten am Strassenrand. In den Siedlungen geh?rten die Polizisten, die zum Schutz gegen Pl?nderung platziert worden waren, zu den Ersten, die mitzunehmen begannen, was von den Siedlern zur?ckgelassen wurde.


Die Siedlungen, f?r die so wohlklingende Projekte wie ?H?user f?r die Bev?lkerung?, ?Naturreservate? oder ?Hotelanlagen? geplant waren, sind heute Schuttw?sten. Nur die Aussenmauern haben Farbe bekommen. Sie wurden bereits mit M?nnern, die pal?stinensische Fahnen und Gewehre schwingen, und dem Felsendom mit leuchtend gelber Kuppel bemalt. Auf den ehemaligen Siedlerstrassen, die fr?her f?r die Pal?stinenser streng verboten waren, trotten Esel, die Wagen, beladen mit Schrott, hinter sich her ziehen. Am Siedlungseingang der gr?ssten Siedlung von Gush Katif, Neve Dekalim, hockt ein einzelner Polizist auf einem Plastikstuhl. Trostlos sieht der Ort aus, in dem vor wenigen Wochen noch Bio-Cherrytomaten in den L?den verkauft und Menschen im Amtsgeb?ude ein und aus gegangen sind. Im einstigen Siedlerladen erinnern nur noch Dr?hte, die aus der Wand lugen, daran, dass hier gelebt wurde. Im Amtsgeb?ude liegt Abfall und Schutt. Die orangen Fahnen der Siedler wurden durch pal?stinensische ersetzt. Die Strassen im Innern der ehemaligen Siedlung sind links und rechts von Bauschutt der zerst?rten Siedlerh?user ges?umt. ?Ich habe keine Ahnung, was hier geschehen soll?, sagt ein Soldat, der gerade seinen Gebetsteppich zusammenfaltet. Er sei bloss hierher abkommandiert worden.

Wer eine Ahnung haben sollte, ist Mohammed Samhouri. Als Chef des Technischen Komitees lag die Verantwortung zur technischen ?bernahme der Siedlungen und zur weiteren Planung bei ihm. Aber auch Samhouri scheint nicht viel mehr an Information bereit zu haben, als einen vier-Phasen Plan. Erster Punkt: die Evaluierung der Infrastruktur in den Siedlungen, zweitens, die Reparaturen an den Wasserleitungen und Geb?uden, drittens, die Wiederinbetriebnahme von allem, was noch brauchbar ist und viertens, die Reintegration der Infrastruktur. Samhouri sagt, die erste Phase sei nun abgeschlossen. ?ber den Zustand der Infrastruktur kann er trotzdem nichts sagen, denn diese m?sse noch genauer evaluiert werden. ?Wir leben auf dem dicht besiedeltsten Flecken Erde, da m?ssen wir sehr sorgf?ltig planen, wie wir diese 25 Prozent mehr Land nutzen wollen. Sicher ist, dass Hochh?user gebaut werden sollen.? Diese Planung basiert auf dem ?Gaza Entwicklungsplan f?r die Region?, dieser stammt jedoch aus den 90er Jahren, als die Siedlungen noch nicht in Gazas Entwicklung miteinbezogen wurden. W?hrend Samhouri sich Zeit l?sst, die Zukunft des Siedlungsgebiets zu planen, wird abtransportiert, was nicht niet und nagelfest ist. Sogar die Palmen, die zum Schutz der Strandgemeinde al-Moasi angepflanzt worden waren, wurden von den Bewohnern der Fl?chtlingslager abges?t und als Brennholz verwertet. Die Polizei hat bloss zugeschaut. Samhouri sagt, er bedaure, zu sehen, was zur Zeit in den Siedlungen passiere, aber das sei nicht sein Problem, das sei das Problem der fehlenden Sicherheit hier. Und Sicherheit falle ins Gebiet des Innenministeriums.

4.11.05 16:20


 [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung