weblog von karin wenger
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25.Oktober 2005
Schlaflos in Gaza
Im Ramadan scheint in Gaza die Stimmung noch
aufgeheizter, gereizter als sonst. Das sieht man zum
Beispiel bei den Ampeln. Nicht dass man in Gaza vor
Rot oder Gr?n oder gar Orange Respekt h?tte, nein,
auch sonst f?hrt jeder wie er will, aber im Ramadan
wird noch aggressiver auf das Gaspedal gedr?ckt, noch
l?nger gehupt. Und am Ende einer Taxifahrt bleibt mir
denn auch ein lauthalsiges Wortgefecht ?ber den Preis
nicht erspart. Ich muss sogar noch Verst?rkung meiner
Freunde des Ramattan News-Studios herbeiholen, um die
Preisfrage zu kl?ren. Diese rufen die Taxifirma an,
dann wird mit dem Fahrer weitergestritten und am
Schluss laufen wir entnervt davon. Das ist Gaza kurz
vor dem Fastenbrechen.

Die Journalisten im Ramattan News-Studio haben das
iftar, die Mahlzeit des Fastenbrechens vorbereitet:
H?hnerbeine in Zwiebelsosse, Reis und Salat nach
Gazaart mit viel Chili. Um f?nf sitzen wir alle um den
grossen Tisch neben dem Fernsehstudio. Der Tisch ist
voll beladen mit Speisen; ein gef?llter Teller vor
jeder Person, dazu die eingeschenkte Limonade. ?Noch
f?nf Minuten?, sagt einer und so hocken wir und
starren auf die H?hnerbeine, die M?nner seit
Sonnenaufgang ohne Speis und Trank im Magen und ohne
Zigarette im Mund. Hastiges auf die Uhr schauen. Dann
Stille und endlich hebt der ?lteste am Tischende das
Glas und sagt: ?Los, fangen wir an.? Es ist f?nf nach
f?nf.

Nat?rlich ist das Fastenbrechen kein Genuss, sondern
ein In-sich-hinein-Stopfen. Und nachdem das Futtern
bereits zwei, drei Minuten angehalten hat, erklingt
auf einmal die Stimme des Muezzins. Alle halten inne,
schauen denjenigen am Tischende vorwurfsvoll: man hat
zu fr?h begonnen. Der ?lteste verwirft die H?nde,
verdreht die Augen und dann ? greift er wieder zum
L?ffel. Schnell ist das Missgeschick vergessen und
noch viel schneller ist die erste Zigarette
angez?ndet.

Die Esserei macht m?de und so fahre ich ins Hotel.
Nach dem iftar ist es auch wieder m?glich zu
telefonieren und Termine zu organisieren. Vor dem
iftar wird man nur geh?ssig abgewimmelt. Mitten in
einem Gespr?ch f?llt mir vor Schreck beinahe das
Telefon aus der Hand: ein Knall, so laut als ob eine
Bombe im Garten meines Hotels abgeworfen worden w?re.
Die Scheiben nebenan klirren, splittern und bersten
schliesslich. Von der Druckwelle werden sie f?rmlich
zerrissen und in die Veranda geschleudert. Meine
Scheiben erhalten nur deshalb einen einzigen Riss,
weil jemand in guter Voraussicht, die L?den
geschlossen hatte. Sp?ter seufzt der Hotelbesitzer:
?Erst gestern habe ich die Scheiben ersetzt, die vor
einem Monat durch Druckwellen geborsten sind.? Ich
mache, was auch jeder Pal?stinenser in einer solcher
Situation macht: ich rufe einen Freund an, der
vielleicht weiss, was das eben war. Und tats?chlich.
Sami Abdel Shafi sagt: ?Das sind die israelischen F16,
die so tief fliegen, dass der ?berschallknall wie eine
Bombe wirkt.? Das sind keine zuf?lligen Aktionen,
sondern ist gezielte kollektive Bestrafung. Diesmal
wurden am Morgen ein Mitglied des Islamischen Jihad im
Westjordanland und ein angebliches Fatah Mitglied von
den Israeli erschossen. Darauf haben Pal?stinenser aus
dem Gazastreifen Raketen auf die israelische Stadt
Sderot abgefeuert. Die Israeli ihrerseits reagieren
mit ihren Schreckangriffen. Sami fragt: ?Hast du dir
einen solchen ohrenbet?ubenden Knall unter dem Wort
?berschallknall vorgestellt?? Nat?rlich habe ich
nicht. Viel mehr dachte ich an die Kn?llerchen, die
man auf einer fr?hlingshaften Bergwanderung in den
Alpen h?rt. Aber nicht so was, nicht so, dass die
Scheiben bersten, nicht so, dass ich die Druckwelle am
K?rper sp?re. ?Jetzt da die Siedler weg sind, k?nnen
die Israeli machen, was sie wollen?, sagt Sami.
?Fr?her, vor dem Abzug, da gab es keine F16, die
Scheiben bersten liessen, denn damals wohnten auch
noch Israeli im selben Gazastreifen. Heute nicht mehr.
Heute ist alles m?glich, schliesslich muss man auf
keine Israeli mehr Acht geben.?
Sp?ter am Abend treffen wir uns auf einen Whisky. Jede
zweite Stunde wieder ein Knall. Nach jedem
?berschallknall sieht Sami nach seinem alten Vater.
Der sagt bloss: ?Wie soll ich denn so schlafen?? Sami
weint. Ein Gef?hl der Hilflosigkeit, des
Ausgeliefertseins. Und die Angst. Dann das Brummen von
Helikoptern und das entfernte Dr?hnen von Raketen, die
in Rafah niedergehen. Am Morgen heisst es: F?nf
Verletzte in Rafah. Nachts um vier erneutes
Aufschrecken. Die Angst vor dem Erwachen macht das
Einschlafen nicht einfach. Dann, um sieben Uhr fr?h,
das letzte Mal. Bis auf weiteres.
26.10.05 11:32


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