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Marhaba

Hier einige Aufzeichnungen einer Reise nach Nablus.

Gruss Karin


11. Januar 2005 ?Reise nach Nablus
Als ich in Ramallah aufbrach begann es zu regnen. Das
Sammeltaxi war noch nicht voll und die Rufe des
Taxifahrers ? ein Platz nach Nablus, einer Nablus ?
blieben fruchtlos. Ob das o.k. sei, wenn wir zwei
Schekel mehr bezahlen, daf?r fahren k?nnten, fragte
ein Mitfahrer und wir nickten. Ich kramte 15 Schekel
f?r die Fahrt zum Huwaraa Checkpoint aus der Tasche.
Auf der Fahrt schwiegen wir alle. Nebelschwaden lagen
?ber den H?geln und ab und zu lauerte ein israelischer
Jeep wie eine Bulldogge am Strassenrand. Je n?her wir
in Richtung Nablus kamen, desto h?ufiger kreuzten wir
Jeeps oder drosselten die Geschwindigkeit, um hinter
einem her zu fahren. ?andak?, murmelte der Mann neben
mir und der Fahren dr?ckte die Bremse durch, dass die
R?der quietschten. Der Mann stieg aus, knallte die T?r
und verschwand ?ber den Feldern im nichts.
Am Huwaraa Checkpoint scherzten zwei Soldatinnen mit
zwei Pal?stinenserinnen, die etwa gleich jung waren.
Die Israelin legte die Kleidungsst?cke, die in der
Tasche der Pal?stinenserin lagen, auf einen
Betonblock. Sie klappte eine Dose Make-up auf und
schaute die Pal?stinenserin an, diese fragte, ob sie
das denn nicht kenne, ob sie nie Make-up ben?tze, ?oh
doch? sagt die Soldatin und wippte mit den H?ften, um
klar zu machen, wann sie Make-up auftrage. Dann sagt
sie: ?yalla? und l?sst die Pal?stinenserin gehen. Aber
auch deren Kollegin muss ihre Tasche ?ffnen und die
Soldatin zieht ein Tuch, das zu einer Art Schlauch
zusammengen?ht ist hervor und sieht die
Pal?stinenserin mit fragendem Blick an. Diese erkl?rt,
dass das Tuch unter das Kopftuch geh?rt und ?ber die
Haare gestreift wird. Aus der Tasche der
Pal?stinenserin f?llt ein Ohrst?bchen in den Dreck.
Die Soldatin befielt dem anderen M?dchen, das
Ohrst?bchen aufzuheben, diese sch?ttelt den Kopf. Im
Bruchteil einer Sekunde verwandelt sich die lockere
Angelegenheit in ein Spiel der Macht, bei dem beide
Anwesenden genau wissen, wie ihre Rollen sind. Die
Pal?stinenserin z?gert noch immer, dann auf einen
weiteren Befehl hin, hebt sie das St?bchen auf. Die
Soldatin befielt ihr das schmutzige St?ckchen
aufzuheben und in die Handtasche zu stecken. Doch dann
sch?ttelt die Pal?stinenserin den Kopf und wirft das
St?bchen zur?ck in den Dreck. Die soldatin gibt auf.
Als ich zu einem Soldaten verwiesen werde, schaut er
zuerst mich an, dann mein Pass, dann sch?ttelt er den
Kopf. Ob ich denn nicht wisse, dass Nablus f?r
Ausl?nder und Israeli geschlossen sei. Was ich denn
machen solle, ich h?tte doch eine Pressekarte. Die
will er nicht einmal sehen. Nur mit einer speziellen
Genehmigung des DCO, District Coordination Office,
k?nne er mich rein lassen. Wo ich die denn kriege? Ein
israelisches Auto h?lt. Der Soldat nimmt das
Genehmigungspapier der Armee in Empfang und h?lt es
mir vor. Hier, hier solle ich die Nummer abschreiben.
Es ist nichts zu machen. Ich muss umkehren.
Bei den Taxis frage ich nach einem Taxi zum Beit Iba
Checkpoint, dem zweiten Checkpoint nach Nablus. Der
Fahrer will hundert Schekel, wir einigen uns auf 50.
Eigentlich wollte ich ?ber Burin, ein kleines Dorf von
dem aus man Nablus ?ber zwei Berge erreichen kann, in
die Stadt. Aber es ist Winter. Die Berge sind nass,
schl?pfrig und schwer zu begehen. Wir fahren nach Beit
Iba. Ich solle es an diesem Checkpoint versuchen, die
Soldaten seien meist besser gewillt. Am Checkpoint
nimmt ein Soldat durch einen Schlitz in einem
gepanzerten Verschlag meinen Presseausweis und meinen
Pass entgegen. Er instruiert eine Kollegin, wie sie
Journalisten mit einer israelischen Pressekarte durch
lassen k?nnten. Dann sieht er, dass meine Pressekarte
abgelaufen ist. Ich solle wiederkommen, wenn ich eine
neue Karte h?tte.
Dann stehe ich wieder neben dem Taxi. Es hat zu regnen
aufgeh?rt und um mich haben sich verschiedene M?nner
versammelt. Er wisse, wie ich nach Nablus gelangen
k?nne, sagt ein Junge. Er will hundert Schekel, dann
f?nfzig, dann einigen wir uns auf vierzig. Walid
heisst der Bursche, der mich wieder ein St?ck
zur?ckf?hrt, dann einen Weg in Richtung einer
Kiesgrube nimmt. Der Boden ist nass. Die Strasse ist
voller L?cher und diese L?cher sind mit Wasser
gef?llt. Jetzt sei doch dann Valentinstag, sagt Walid
und zieht seine pal?stinensische Identit?tskarte aus
der Hosentasche. 14.1.1982 steht als Geburtsdatum auf
der Karte. Wir stapfen eine Weile schweigend unter ein
paar B?umen hindurch. Rechts von uns f?llt eine Wand
der Kiesgrube ab. Die D?mmerung hat eingesetzt und die
schweren Regenwolken f?rben sich am Bauch rot. Links
kann ich den langen Betonschlauch des Beit Iba
Checkpoints erkennen. Ich beeile mich, Schritt zu
halten. Jeden Tag seien es Duzende von Leute, die
ihren Weg hier ?ber den Berg machten. Sie h?tten keine
Bewilligung aus Nablus herauszugehen, seien meistens
zu jung. Unter vierzig ist man eine potenzielle Gefahr
f?r Israel. Arbeiter gehen ?ber die Schleichwege nach
Israel, um zu arbeiten oder Pal?stinenser mit einer
israelischen Identit?tskarte, die ihre Familie in
Nablus besuchen, nehmen den verbotenen Weg. Unsere
Schuhe sind nach wenigen Metern verklebt vom braunen
Matsch, der im Sommer als Staubwolken bei jedem
Schritt stiebt. Nachdem wir eine kleine Anh?hung
erklommen haben, rutschen wir einen Abhang hinunter,
immer bedacht nicht gleich auf dem Hintern zu landen.
Das sei momentan sein Job, sagt Walid und meint damit
seine Arbeit als Checkpoint-umgeheder-Touristenf?hrer.
Ob ich ein Taxi wolle, fragt er, w?hrend wir schnellen
Schritts ?ber eine geteerte Strasse gehen. Dann, als
wir in einem Olivenhain kurz stoppen, sagt er: ahlan,
willkommen in Nablus. Ein Taxi holt uns an einer
zweiten Strasse ab. Wir fahren zum Beit Iba
Checkpoint, den ich nun von der anderen Seite sehe und
wo Walid aussteigt, um wieder auf jene Seite zu
gelangen, von wo die Touristen Hilfe ben?tigen. Dann
rufe ich meinen Kollegen Fabian an und fahre in die
Altstadt von Nablus.

In Nablus ist es ruhig. Nur wenige Leute sind auf der
Strasse und vereinzelt tropft es von den D?chern. Die
H?user stehen so eng beieinander als ob sie sich warm
geben m?ssten. Ich ziehe meine M?tze tiefer, die W?rme
des Fussmarschs ist bereits wieder aus den Knochen
gewichen. Fabian f?hrt mich durch kleine, dunkle
Gassen, beantwortet die Frage nach seinem Namen, die
die Kinder mit Vorliebe stellen und h?lt vor einer
unscheinbaren T?r unter einem Steinbogen. Wir treten
in einen Gang, dann ?ffnet er eine weitere T?r und das
einzige was sichtbar wir ist eine lange Treppe, die in
den Untergrund f?hrt. Eine K?che mit einer hohen Decke
folgt der Treppe, danach ein Raum mit einem Gasofen
und ein paar Matratzen am Boden, ein weiterer Raum,
das Schlafzimmer und ein Badezimmer. Das Heim von
Fiona und Fabian. Wir trinken Tee, wechseln ein paar
Worte, freuen uns ab dem Sprinz K?se, den ich aus der
schweizer Migros nach Nablus gebracht habe und machen
uns dann auf den Weg zum ?ltesten Hammam in Nablus.

Omar Salih Kusa sitzt auf einem farbigen Kissen und
zieht an seiner Wasserpfeiffe mit der roten Kordel.
Mit der Gelassenheit eines Mannes, der schon mehr als
einen israelischen Jeep gesehen hat, sagt er: ?Dieses
t?rkische Hammam ist das ?lteste in ganz Nablus. Das
?ndert nichts daran, dass es sich in einer
beschissenen Zone befindet.? Was er damit meint ist
einfach: Die israelische Armee geh?rt zu den
Dauerg?sten in der Altstadt von Nablus, die als Herz
f?r den Widerstand gilt. Noch im letzten Jahr mussten
die Hammam Besucher mehr als einmal in der Vorhalle
mit dem h?lzernen Krokodil, das von der Decke baumelt
und den farbigen Stoffkissen ?bernachten, weil die
israelischen Scharfsch?tzen einen Spatziergang durch
die Altstadt zu einer todesgef?hrlichen Aktion
verwandelten. Omar Salih weiss wovon er spricht. ?Ich
bin der Vater eines Martyrers?, sagt er und erz?hlt,
dass sein 18-j?hriger Sohn im vergangenen August von
israelischen Soldaten erschossen wurde ? auf dem
R?ckweg eines Einkaufbummels, wie Salih anf?gt und
schnell eines dieser Fotoshop Plakate auseinander
faltet, die ?berall an die W?nde geklebt werden und
auf dem sein Sohn mit einer Kalaschnikov abgebildet
ist. Wieso der Sohn erschossen wurde, wisse er nicht.
Ja, er h?tte der islamischen Brigade angeh?rt, aber
das heisse doch nichts. Terrorismus, Terrorismus, das
h?re man ?berall, er nenne es das Recht f?r sein Land,
seine Rechte und seine W?rde zu k?mpfen, sagt der Alte
und f?gt ver?rgert hinzu: ?Zweimal haben die Israeli
mein Haus explodiert und nur deshalb, weil meine
Nachbarn Widerstandsk?mpfer sind.?
Salihs gr?sstes Problem ist die Arbeitslosigkeit.
Fr?her arbeitete er in Israel, machte gutes Geld, 300
Franken pro Woche, wie er sagt, heute ist er Masseur
im 2150-j?hrigen Hammam. Er verdient, wen er massiert.
3.50 Franken pro Kunde und diese sind in den Tagen der
Intifada rar. H?rt Salih den Namen des neuen
pal?stinensischen Pr?sidenten, Mahmud Abbas, dann
sch?ttelt bloss den Kopf. ?Diebe?, sagt er, ?Diebe?.
Auch die zwei alten Herren mit dem rot-weissen
Pal?stinensertuch, die neben einem trockenen Brunnen
im Hammam Karten spielen, haben wenig ?brig f?r die
neue Regierung und noch viel weniger f?r den frisch
angelaufenen Friedensprozess. ?Nichts wird sich
?ndern?, sagt Nihad Schobi, ein Mitvierziger mit einem
Schnauz der tags?ber Alumniumt?ren fabriziert. Er
erinnert an seine neun Familienmitglieder, die in der
Altstadt von Nablus umgekommen sind, als ein
israelischer Bulldozer das Haus in Schutt und Asche
gelegt hatte. ?Wer will mir diese zur?ckgeben??, fragt
er sich und f?gt beharrlich an: ?Gott ist der einzige,
der diesen Konflikt l?sen kann und solange er das
nicht tut, geht der Widerstand weiter.? Mohammed
Ribhi, ein Falafel Verk?ufer, der sich auch heute wie
jeden Abend zum Kartenspielen im Hammam eingefunden
hat, sagt: ?Hamas und die al-Aksa Brigaden helfen uns.
Sie helfen uns, weil sie f?r unsere Tr?ume k?mpfen.?
Die beiden Herren schweigen einen Moment. G?be es
keine Intifada, dann w?rden sie jetzt nicht hier
sitzen und Wasserpfeife rauchen, sondern arbeiten,
sagen die zwei M?nner. Doch Arbeit sei nicht in Sicht.
Auch nicht mit er neuen Regierung, die wenig ?brig
habe f?r die armen Leute, die sich vor allem mit Hilfe
der Familie und der ausl?ndischen Organisationen ?ber
Wasser halten k?nnten. Scharm el Sheik und das Treffen
von Sharon und Abbas, das werde zur Folge haben, dass
es bald mehr Probleme zwischen den Pal?stinensern
gebe. Denn wieso wolle eine Polizei auf die eigenen
Leute losgehen, fragt sich Ribhi und f?gt an: ?Wir
hatten die Oslo-Abkommen. Die Geschichte wiederholt
sich selbst.?

Dann gehen wir in den Hammam. Auf gr?nen Plasticmatten
lassen wir unsere Kleider zur?ck und nehmen ein modrig
riechendes Tuch entgegen. An die W?nde sind Bilder
gemalt: Ein Mann der sich im Hammam mit einer
Kupferschale voller Wasser ?bergiesst. Eine Marktszene
in der Altstadt. Wir gehen durch einen dunklen Gang
und treten in einen warmen Raum in dessen Mitte eine
Steinkonstruktion wie ein ?bergrosser Tisch steht.
Normalerweise w?re dieser warm und nach dem Dampfbad
k?nnte man sich darauf ausruhen. Aber das Bad br?uchte
l?ngst eine Renovation und so einiges geht nicht mehr
? so auch die Heizanlage im Stein. Tags?ber dringt das
Licht in der Decke durch L?cher, die mit farbigem Glas
bedeckt sind. Hinter schimmligen Vorh?ngen sind
Steinbecken, in die man heisses oder kaltes Wasser
einlassen kann. Wir f?llen die ausgebeulten
Kupferbecken, die auf dem Stein stehen und ?bergiessen
uns mit Wasser. Dann nehmen wir das St?ck Oliven-Seife
und das leinenartige Geflecht, das man uns am Eingang
gegeben hat und seifen uns ein. Es ist eine Wohltat in
der allgemeinen K?lte, der Feuchtigkeit, die ?berall
in der Luft liegt und in alle H?user dringt, sich mit
warmem Wasser zu ?bergiessen. Dann bittet mich eine
Dame in einen dunklen, kalten Zwischenraum mit einer
Massageliege, die wahrscheinlich beinahe so alt ist
wie das Hammam und die ich im Dunkeln nicht wirklich
sehen kann. Es ist kalt und es stinkt nach W?nden, auf
denen sich langsam der Schimmel ansetzt. Ich breite
mein Tuch ?ber die Liege, lege mich auf den Bauch und
lasse mir die Arme einseifen. Die Massagekunst ist
brachial, beinahe grob und ich bin froh, als der Spass
nach kurzer Zeit vorbei ist. Zur?ck im Raum mit dem
Steintisch und den Waschr?umen betrete ich den
Dampfraum. Mit einem kleinen Hebel an einer R?hre
k?nnen wir den Dampf in die Steinh?hle lassen, die
gross genug f?r f?nf Personen ist. Bald ist der Dampf
so dicht, dass wir uns nicht mehr sehen. Wir drehen
und wenden uns, stehen auf die Steinstufe und lassen
kaltes Wasser aus einem anderen Rohr. Dann gluckst das
Dampfrohr noch einige Male und verliert bald ganz den
Atem.

Liebe Westjordanland-Interessierte
Zur?ck in Ramallah ist das Wetter miserabel und kalt
und die Gasrechnung dementsprechend hoch. Es hat sogar
ein paar Minuten geschneit, was die ganze Stadt in
Aufregung versetzt hatte. Trotz des Wetters und der
K?lte ist eine Brise Fr?hlingsstimmung zu sp?ren.
Grund daf?r ist das Treffen in ?gypten zwischen Sharon
und Abbas und die damit verbundene Hoffnung, dass
zumindest ein wenig Bewegung in den erstarrten
Friedensprozess kommt.

Hier ein erster Augenschein aus dem Hause meiner
Ramallah-Familie.
Karin

Mittwoch 9.1
?Mama, bin ich auch eine gesuchte Person??, fragte der
f?nf-j?hrige Marmwuan seine Mutter vor wenigen Tagen.
?Nat?rlich nicht?, antwortete die Mutter. Doch Marwuan
blieb hartn?ckig: ?Aber ich bin doch ein Pal?stinenser
und ich spiele Krieg?, sagte der Kleine, der nicht
verstehen wollte, dass er nicht zu jenen
Pal?stinensern geh?rt, die im Fernsehen immer wieder
als ?von den Israeli gesucht?, deklariert werden.
Nun, einige Tage sp?ter und nach dem Treffen von Abbas
und Sharon in ?gypten, sind Marwuan, seine zwei
kleinen Schwestern und die Mutter bei meiner
Ramallah-Familie zu Besuch. Im Fernsehen, der immer
und ?berall l?uft, wird von Abbas gesprochen und
wieder wundert sich der Kleine ?Mama, ist jetzt
Frieden?? Seine Stimme klingt mehr besorgt als
erfreut. Von Frieden hat er nur eine diffuse
Vorstellung, aber mit der anstehenden Waffenruhe, die
in aller Munde ist, sieht er vor allem etwas in
Gefahr: seine Kriegsspiele. Diese spielt er mit
grosser Leidenschaft am Computer. Weil Marwuans Mutter
keine befriedigende Antwort parat hat, zupft der Junge
seinen Cousin Abid am ?rmel und verkr?melt sich hinter
den Computer und in seine Welt der
biff-baff-buff-Helden, der sich kringelnden Feinde,
Feuer-speienden Waffen und gewonnenen Schlachten.

Immi, meine Ramallah Mutter, ist vergn?gter denn je.
Da alle schon gegessen haben, hat sie den Tisch f?r
mich alleine gedeckt. Reis mit d?nnen Nudeln, das
obligate Huhn, Kartoffelsuppe und eine Schale mit
Oliven stehen auf einem Plastictuch. Eine Portion f?r
drei Personen ? ein Einwand, den sie mit einer
Handbewegung vom Tischtuch winkt und sagt: ?Die haben
dich bestimmt nicht richtig gef?ttert in der Schweiz.?
W?hrend Immi bereits die Nachspeise ? s?sse
Kartoffelb?llchen, die in ?l gebraten werden ? in den
Ofen schiebt, will ich wissen, wie sie ihn denn
findet, den neuen Pr?sidenten. Immi findet nur lobende
Worte, doch der Friede, ja der Friede liege nicht in
pal?stinensischer Hand, sondern vor allem in
amerikanischer, glaubt sie. Amerika sei gar nicht
schlecht zur Zeit, sogar die Rice sei ganz nett
gewesen bei ihrem Besuch in Ramallah. Doch man kenne
ja Oslo, die Hochstimmung von damals h?tte auch nur
einige Monate gehalten und sei dann ins gr?sste Tief
gerutscht. Und das war denn auch schon genug der
Politik f?r den Abend.

Die wahren Probleme an diesem Tag sind andere. Gestern
hat es kurzzeitig und das erste Mal in diesem Winter
in Ramallah geschneit. Ein paar Minuten Schneefall und
weiss gezuckerte Strassen, die innerhalb von einer
halben Stunde bereits wieder trocken waren, reichten
aus, dass viele Beamte und sonstige Angestellte
fluchtartig ihre B?ros verliessen, in der Angst nicht
mehr nach Hause zu kommen. Das Gas in Ramallh war
innert Stunden ausverkauft und heute sitzen wir
frierend in Immis Wohnung. Alle f?nf Minuten greift
Immi zum Telefon, um den Gasverk?ufer anzurufen und
ihn weniger bittet als befielt, auf der Stelle Gas zu
liefern. Der Verk?ufer, ein guter Freund ihres Sohnes,
wurde jedoch auf dem Weg zu Immis Wohnung von einer
Frau angehalten, die ihn anflehte, ihr Gas zu geben,
was er dann auch tat. Es bleibt uns nichts anderes
?brig als die Gasflasche des Backofens und Kochherds
abzumontieren und in der Stube an den Ofen
anzuschrauben. Auch bei mir Zuhause muss ich mich
zuerst einmal an die Temperaturen gew?hnen, bei denen
unser Atem als gleichm?ssige Wolke mit uns
herumwandert. Da das Gas immer von, respektive durch
Israel ins Westjordanland gelangt, sind die Preise
entsprechend hoch. Sie sind so hoch, dass sich mein
pal?stinensischer Mitbewohner Ibrahim nach Erhalt der
ersten Rechnung jetzt nach einem Job umsieht. Die
Rechnung betr?gt zirka 500 Schweizer Franken, was
beinahe der H?he unserer ganzen Monatsmiete
entspricht. ?V?llig unm?glich? wetterte Immi, als sie
von dieser astronomischen Summer h?rt. ?Diebe, Diebe
sind das?, legt sie in der Art und Weise einer Frau
los, die sich gewohnt ist, seit zwanzig Jahren alleine
f?r ihre drei Kinder aufkommen zu m?ssen. Immi ist
denn auch ?berzeugt, dass man uns die Rechnung der
Vormieter auch noch aufgehalst hat. Ich solle die
Rechnung nur bringen, sie werde schon anrufen, sagt
sie. In Erinnerung wie sie meine ungeliebten Liebhaber
mundtot und vor allem anrufscheu machte, bin ich mir
da auch ganz sicher.

Sp?ter besuchen wir ihre Nachbarin und Freundin Ahlan,
um mit ihr Karten zu spielen. Die Nachbarin sitzt mit
einem H?ndchen jener Rasse, die in der Schweiz
vorzugsweise mit Masche im Kopfhaar die Bahnhofstrasse
entlang stiefeln, auf ihrem Sofa und schaut sich eine
libanesische Popdiva auf einem Bildschirm so gross wie
die Leinwand eines Kleinkinos an. Ahlan ist
Schauspielerin und sie besitzt auch alle mit diesem
Beruf verbundenen Eigenschaften wie beispielsweise
Beredsamkeit, Eitelkeit und Narzismus. Sie zeigt
wehm?tig auf ein Foto, das 25 Jahre alt ist und eine
h?bsche, schlanke, langhaarige Frau mit einem
schnauzigen Mann zeigt. Seit jenem Zeitpunkt hat sich
einiges ge?ndert: Nicht nur hat Ahlan einige Kilos
zugelegt, auch wurde ihr Mann gleich wie Immis Mann im
Libanon erschossen. Im Norden des Libanons, wie Ahlan
sagt und damit den Unterschied zum Todesort von Immis
Mann, der im S?den erschossen wurde, hervorhebt. Zudem
sei Immis Mann ein wahrer Held gewesen, weit herum
bekannt und gef?rchtet. Bekannt sei jetzt vor allem
sie, so sagt Ahlan ? was zumindest im Westjordanland
auch stimmen mag ? und zum Beweis holt sie einen
Stapel Fotoalben hervor: Ahlan mit einem israelischen
Regisseur, Ahlan mit einem Freund von Bob Marley,
Ahlan in einem Penthouse eines j?dischen Billion?rs in
Manhatten. Ahlan ist alles andere als eine
Judenhasserin. Zur Zeit besteht ihre Arbeit in
Theaterprojekten in israelischen und pal?stinensischen
Schulen. Dabei sollen die Kinder jeweils ihre gr?ssten
Feindbilder spielen. ?Es zeigt sich immer, dass die
Kinder Sprachrohr der elterlichen Ideologie sind. Wer
aus einer liberalen Familie kommt, vertritt liberale
Ideale, wer aus einer orthodoxen Familie kommt, ist
orthodox und wer aus einer Pal?stinenser-Hasser
Familie kommt, hasst selbst.? Erstaunlich sei jedoch,
wie gross die Empathie auf einmal werde, wenn die
Kinder in die andere Rolle schl?pfen w?rden.

Um Mitternacht bringen mich Samer, ein Sohn Immis, und
Tarek, ein Adoptivsohn Arafats, nach Hause. Samer ist
erst vor wenigen Tagen aus Berlin zur?ckgekehrt, wo er
ein kurzes Gastspiel in der pal?stinensischen
Botschaft hatte. Da er jedoch nicht wie vereinbart,
bezahlt wurde, kehrte er schon nach wenigen Wochen
zur?ck. ?Wahrscheinlich wollten die mich nicht, weil
ich auf Arafats Seite stehe?, glaubt Samer, der nur
mit Arafats Unterschrift, einem Diplomatenpass jedoch
ohne jegliche Qualifikationen nach Berlin gelangt war.
Sehr traurig ?ber seine R?ckkehr ist er jedoch nicht.
Das Leben hier in Pal?stina kenne er und das sei dann
doch besser, als in einer fremden Stadt zu strampeln.
Ich muss an zwei Kollegen denken, die ich am
Nachmittag getroffen habe und die auch an der
Universit?t Birzeit studieren. Sie sagten, dass jetzt
die Stimmung wie nach Oslo sei, alle h?tten Hoffnung,
dass endlich etwas gehe, aber sie, die Jungen wollten
vor allem eines: raus aus den besetzten Gebieten, raus
in die Welt, in der es alles gebe und noch dazu ohne
grossen Aufwand. Dass die Realit?t in einem fremden
Land nicht ganz den Honig und Milch Vorstellungen
entspricht, ist wohl vielen nicht so klar.
Tarek will zur Zeit nur eines: in Ramallah bleiben.
Dies hat seinen Grund; er ist verliebt. Eine
Amerikanerin sei?s, sagt er und kippt l?ssig seine
Zigarette zum Autofenster heraus, dann dr?ckt er beim
Kassettenger?t auf Play, so dass die Urspr?nge der
Technomusik ?ber scheppernde Boxen jede Konversation
unm?glich machen. Als wir aussteigen, um Samers und
Tareks neue Wohnung zu besichtigen, f?gt Tarek
achselzuckend und beinahe entschuldigend hinzu: ?Sie
ist Pal?stinenser-Amerikanerin.?
17.2.05 17:58





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