weblog von karin wenger
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Marhaba

Waehrend ich diese Zeilen schreibe, fahren hupende
Autos mit laermenden Menschen vor dem Fenster
vorueber. Der Palaestinensische Praesident scheint
bereits gemacht zu sein. Die Feier fuer Abu Masen hat
begonnen. Trotzdem: Fuer alle, die mehr als nur eine
Vermutung, eine von vielen Seiten bestaerkte und
lauthals verschrieene Annahme wollen; hier ein paar
Texte rund um den Wahlkampf und die Wahl in den
besetzten Gebieten.

Mit besten Gruessen
Karin

9.1.05
?Frei zu w?hlen, ist der erste Schritt zur
Unabh?ngigkeit?
Pr?sidentschaftswahlen in den besetzten Gebieten
Im Westjordanland und im Gazastreifen sind die
Pal?stinenser am Sonntag an die Urnen gegangen, um
ihren Pr?sidenten zu w?hlen. Der Wahlprozess verlief
ruhig und demokratisch. Der Fatah Kandidat Mahmud
Abbas gilt bereits jetzt als neuer Pr?sident.
?berraschungen werden nicht erwartet.

Der Fahrer des Fordtaxis schaut lange auf seinen
Daumen, der mit blauer Tinte markiert ist. ?Das ist
Demokratie. Ist es nicht erstaunlich, dass sie auch
nach vierzig Jahren Besetzung noch existiert??, fragt
er und h?lt vor einer Strassenblockade, schweren
Betonbl?cken, die den Weg ins Dorf Biddo versperren.
In den besetzten Gebieten wird gew?hlt. Auch in Biddo,
einem 7000 Seelen Dorf, das nach 1967 von Jerusalem
abgetrennt wurde, stehen die Dorfbewohner vor der
Schule. Diese wurde an diesem Tag zum Wahllokal
umfunktioniert. Nebst einem verblichenen Poster von
Yasir Arafat, h?ngen die Wahlplakate einiger
Pr?sidentschaftskandidaten: ein freundlich l?chelnder
Mahmud Abbas (Abu Masen), Mustafa Barghuti von
Soldaten umringt und Bassam al-Salhi der People?s
Party of Palestine. An den Eingangstoren zum Schulhof
kleben zwei Verbotsschilder: eines f?r Handys, ein
anderes f?r Revolver. Per Comic werden die W?hler f?r
den Wahlvorgang instruiert: Zuerst m?ssen sie die
Identit?tskarte zeigen, dann wird ihr Name in der
Liste gesucht, danach erhalten sie den gestempelten
Wahlzettel und dann wird ihr Finger mit einer Tinte
bemalt, die 24 Stunden nicht mehr abwaschbar ist.
Sicher ist sicher, niemand soll zweimal w?hlen k?nnen.
Erst dann k?nnen sie ihre Kreuze neben den
Wunschkandidaten setzten.

Wahlvorgang nach demokratischen Regeln
Armin Laschet ist zufrieden. Man sp?re, dass die
Pal?stinenser diese Wahl ernst nehmen. Sie w?rden sich
penibel an die Wahlvorschriften halten, sagt der
deutsche EU-Parlaments-Abgeordnete, der zu den rund
300 EU-Wahlbeobachter geh?rt. Insgesamt sind 441
internationale Beobachter angereist, die nicht nur die
verschiedenen Wahllokale besuchen, sondern den
Verantwortlichen auch bei der Ausz?hlung ?ber die
Schulter schauen. Um einen demokratischen Wahlvorgang
zu gew?hrleisten, sitzen zudem Vertreter der sieben
Pr?sidentschaftskandidaten in den rund 2800
Wahlstuben, in denen 1,8 Millionen berechtigte W?hler
ihre Stimme abgeben k?nnen. ?Frei zu w?hlen, ist der
erste Schritt zur Unabh?ngigkeit?, sagt Fahia Abu Aid,
die in der Warteschlange steht. Wem die stark
geschminkte Dame ihre Stimme geben will, sagt sie
nicht. Dass sie sich jedoch von ihrem Wunschkandidaten
einen eigenen Staat, das R?ckkehrrecht f?r die
Fl?chtlinge, Jerusalem als Hauptstadt und die
Entlassung aller Gefangenen erhofft, das ist kein
Geheimnis. Zudem m?sse er Erfahrung haben und auf den
Spuren Arafats wandeln. Jemand anders als Mahmud
Abbas, den offiziellen Kandidaten der Fatah kommt bei
diesem Kriterienkatalog nicht mehr in Frage.

Erleichterung an den Checkpoints
Der Taxifahrer, der von Ramallah nach Nablus f?hrt,
schabt demonstrativ einen Aufkleber von Arafat vom
Armaturenbrett und wirft einen Wahlprospekt Abu Masens
aus dem Fenster. Er wird Barghuti w?hlen. Nat?rlich
weiss auch der Mann mit der geh?rigen Portion Gel im
Haar, dass Barghuti im Rennen gegen den erfahrenen
Fatah Mann keine wirkliche Chance hat. Es gehe nur
noch darum, wieviele Stimmen Barghuti Abu Masen
abluchsen und ihn dementsprechend in seiner
Legitimation beschneiden k?nne.
Das Mercedes-Taxi, das auch schon bessere Zeiten
gesehen hat, braust an diesem Nachmittag ohne die
?blichen Wartezeiten an den Checkpoints die
Hauptstrasse 60 entlang. Erleichterung hinsichtlich
der Checkpoints haben die Israeli den Pal?stinensern
f?r ihren Wahltag versprochen. Erleichterung bedeutet
jedoch alles andere als die Aufl?sung der Checkpoints
oder gar den R?ckzug der Soldaten. Zwischen Jerusalem
und Jericho sollen, nach Auskunft eines Diplomaten,
gar vier Strassensperren, zwei mehr als ?blich,
installiert worden sein. Auch in Jerusalem l?uft nicht
alles reibungslos. In den f?nf Postb?ros, die als
Wahllokale funktionieren, d?rfen nach israelischen
Vorschriften nur gerade 5300 W?hler ihre Stimme
abgeben. Die restlichen 115 000 W?hler mit Jerusalem
Identit?tskarte m?ssen in die Wahllokale der
Peripherie. Nach Angabe von Radio Montecarlo wird ihr
Weg durch zus?tzliche Checkpoints erschwert.

Wunsch nach einem freien Leben
Auf der Strasse nach Nablus ist auch die Grenzpolizei
unterwegs und fragt nach dem Ziel der Reise. An den
Abzweigungen zu den Siedlungen, die in der
Nablusgegend die H?gel in regelm?ssigen Abst?nden
besetzten, stehen bewaffnete Siedler und warten auf
einen Bus. Auch am Hawara Checkpoint, einem der am
schwierigsten passierbaren Checkpoints im
Westjordanland, stehen an diesem Tag die Soldaten.
?Heute k?nnen alle Leute ohne eine Spezialbewilligung
durch. Das einzige, was sie brauchen, ist ihre
Identit?tskarte?, sagt ein israelischer Soldat und die
pal?stinensischen Taxifahrer best?tigen diese Auskunft
mit einem Kopfnicken.
Vor der M?dchenschule im Balata-Fl?chtlingslager in
Nablus wird an den Zukunftstr?umen Pal?stinas gewebt.
?Ich habe Abu Masen gew?hlt, weil ich hoffe, dass er
uns zu einem freien und sicheren Leben f?hren wird?,
sagt Mahmud Masri. Als Fl?chtling aus einem kleinen
Dorf in der n?he von Jaffa, erhofft er sich, eines
Tages in das Dorf seines Vaters zur?ckkehren zu
k?nnen. Hoffen, das k?nne man ja noch.

Fehlende Registrierung
W?hrend im Fl?chtlingslager alles geordnet zu und her
geht, herrscht in der Eingangshalle der An-Najah
Universit?t in Nablus ein buntes Durcheinander. Rund
500 berechtigte W?hler haben sich bei der
Registrierung nicht in die Register eingetragen und
suchen nun einen Ort, an dem sie ihre Stimme abgeben
k?nnen. ?Das ist im Moment das gr?sste Problem?, sagt
Gian-Luca Solera, ein Beobachter einer italienischen
Nichtregierungsorganisation, und f?gt an: ?Das zweite
Problem, das wir in den D?rfern um Nablus festgestellt
haben, sind Abu Masens Leute, die nicht aufh?ren vor
den Wahllokalen f?r ihren Kandidaten zu werben.? Yaman
Maarif, eine Studentin, ist w?tend. Sie hatte sich
nicht in das Wahlregister eingeschrieben und konnte
deshalb am Morgen ihren Namen noch einmal in eine
Liste eintragen und wurde vertr?stet am Nachmittag an
die Urne gehen zu k?nnen. Lange zu warten, hat sie
jedoch keine Lust. Denn, so sagt sie, sei ja sowieso
klar, dass Abu Masen gewinnen werde.

In Ramallah kommt es inzwischen zu einem kurzen
Zwischenfall. F?nf bewaffnete M?nner st?rmen ein
Wahllokal. Angeblich wurden Verwandte von ihnen nicht
in den Registrierungslisten aufgenommen. Dass Ruhe und
Ordnung wieder hergestellt werden, daf?r sorgt der
ehemalige Sekret?r von Arafat, Tayeb Abdel Rahim,
h?chst pers?nlich. Niemand soll schliesslich sagen
k?nnen, Demokratie sei eine Sache des Westens.

8.1.05
Abu Masen der Gem?ssigte
Bereits jetzt scheint klar zu sein, dass der PLO-Chef
Mahmud Abbas in den pal?stinensischen
Pr?sidentschaftswahlen von diesem Sonntag gewinnen
wird. Der gem?ssigte Fatah-Kandidat wird vom Ausland
auf Grund seines Verhandlungswillen gesch?tzt, von den
Pal?stinenser jedoch eher als farblos und entr?ckt
wahrgenommen.

?Ich w?hle Abu Masen, den kenne ich zumindest.? Diese
Worte eines Bauern in der Nablus Gegend dr?ckt eine
weitverbreitetes Gef?hl gegen?ber dem f?hrenden
Pr?sidentschaftskandidaten Mahmud Abbas (Abu Masen)
aus: Man w?hlt ihn, aber man mag ihn nicht wirklich.
Nach Angabe des Palestinian Center for Policy and
Survey Research sollen ihm trotzdem 65 Prozent der
Stimmen sicher sein, ein hoher Prozentsatz f?r einen
Mann, der bei seinem R?cktritt als Ministerpr?sident
mit Tomaten beworfen wurde.

Seit den Anf?ngen dabei
Seine Wahlplakate, auf denen er sich vorzugsweise mit
dem verstorbenen Yasir Arafat zeigt, erkl?ren zu einem
Teil, wieso viele Pal?stinenser heute ihre Stimme f?r
den 70-J?hrigen Politiker in die Urne legen. Als
offizieller Fatah-Kandidat tritt er das Erbe von
Arafat an, einem Mann, der es zu seinen Lebzeiten zu
verhindern wusste, eine politische Jungelite
heranzuziehen. Trotz dem brennenden Verlangen nach
?nderung in der korrupten Pal?stinensischen
Autnonomiebeh?rde funktioniert auch in den besetzten
Gebieten das Prinzip des Bauers, der nur frisst, was
er denn kennt ? und Abbas kennt man. Abbas der 1935 in
der Stadt Safed geboren wurde, fl?chtete nach der
Gr?ndung des Staates Israel 1948 nach Damaskus. Dort
studierte er Jura sowie englische Literatur. In Moskau
promovierte er ?ber das Thema Zionismus aus
pal?stinensischer Sicht. Sp?ter war er in den
Vereinigten Arabischen Emiraten im Staatsdienst t?tig
und war 1965 ein Gr?ndungsmitglied der
Befreiungsbewegung al-Fatah, die unter dem Vorsitz von
Yasir Arafat mit dem Ziel der Befreiung Pal?stinas
entstand. Ab 1980 leitete Abbas als Mitglied des
Exekutivkomittees der Palestine Liberation
Organization (PLO) die Abteilung f?r arabische und
internationale Beziehungen. Bereits damals begann er
sich f?r einen Weg des Friedens einzusetzen, der 1993
in den Oslo-Abkommen m?ndete. Abbas gilt demnach als
einer der Oslo-Architekten. Das Abkommen machte die
Selbstverwaltung in Teilen des Westjordanlandes und im
Gazastreifen erst m?glich, ist jedoch auch mit ein
Grund f?r Abbas Unpopularit?t. Aus dem Oslo-Prozess
wuchs unter den Palaestinensern die Gewissheit,
innerhalb von f?nf Jahren in ihrem unabh?ngigen Staat
zu leben. Dieser Staat bleibt bis heute ein
ungeborenes Kind und Oslo wird in den besetzten
Gebieten mit einer m?den Handbewegung als tot erkl?rt.

Die Frage nach der Autorit?t
Abbas ging aus den ersten Pal?stinensischen Wahlen
1996, die Teil des Abkommens waren, als
Autonomieminister hervor. Er erarbeitete sich den Ruf
eines effektiven Pragmatikers. In den besetzten
Gebieten l?ste seine Verhandlungsbereitschaft zum Teil
Angst vor dem Ausverkauf Pal?stinas aus. Dieselbe
Bereitschaft zum Kompromiss und Gespr?ch katapultierte
den moderaten Abbas zum Wunschkandidaten von Israel,
Amerika und Europa. Ariel Sharons Ausrede, er habe
keinen Verhandlungspartner, ist damit hinf?llig. Dass
es jedoch andere Wege zur Verz?gerung der Gespr?che
gibt, zeigen Sharons Worte an der Herzliya Konferenz
im vergangenen Dezember. Bevor er irgendwelche
Gespr?che wieder aufnimmt, fordert er die komplette
Eliminierung von Gewalt seitens der pal?stinensischen
militanten Gruppen sowie demokratische Reformen in der
Pal?stinensischen Autonomiebeh?rde. Obwohl Abbas in
seinen Wahlkampfreden immer wieder betonte, dass
Gruppen wie Hamas, islamischer Jihad oder der
militante Fl?gel der Fatah, die Aksa Brigade, f?r
einen Waffenstillstand bereit seien, bleibt unsicher,
wie gross Abbas Autorit?t ?ber diese Gruppen ist.
Zudem muss auch das israelische Milit?r bereits sein,
sich an einen Waffenstillstand zu halten. Abbas hatte
zwar bereits einmal f?r 52 Tage einen solchen zustande
gebracht, dieser fand nach israelischen Provokationen
jedoch zu einem abrupten Ende.

Pendenzenliste im eigenen Haus
Nur ein Wahlergebnis, das Abbas mit deutlicher
Mehrheit zum Pr?sidenten bef?rdert, kann ihm die
n?tige Legitimation in der Bev?lkerung und innerhalb
der militanten Gruppen verschaffen, um den
Friedensprozess voranzutreiben. Bis es jedoch so weit
ist, bleibt noch eine lange Pendenzenliste. So hat
sich Abbas vor allem vor der internationalen Presse
f?r einen Rechtsstaat, Parlamentswahlen und die
Reformierung der diversen Sicherheitsdienste und der
Finanzverwaltung ausgesprochen. Dass die Herstellung
von Ordnung im eigenen Stall kein einfaches
Unterfangen ist, hatte Abbas bereits in seiner kurzen
Amtsperiode als Ministerpr?sident gemerkt. Damals
scheiterte er in seinen Bestrebungen f?r Reformen vor
allem an Arafat, der nicht bereit war, seine Macht zu
teilen. Der Machtkampf mit Arafat und der Widerstand
militanter Gruppen, die sich gegen die Verhandlungen
mit den Israeli gestemmt hatten, liessen Zweifel an
Abbas Autorit?t aufkommen und f?hrten zu seinem
R?cktritt am 6. September 2003, vier Monate nach
Amtsantritt. Auch wenn er ?ber den Wille zu Reformen
verf?gt, stellt sich heute einmal mehr die Frage, ob
er die Autorit?t und den R?ckhalt seiner Partei
besitzt, Reformen durchzuf?hren und junge Leute zu
f?rdern, die ?nderung vorantreiben.

Die israelischen Auflagen f?r die R?ckkehr an den
Verhandlungstisch, die noch fehlende Legitimation im
Pal?stinensischen Volk und seine Parteiabh?ngigkeit
haben Abbas in den vergangenen Wochen einen Wahlkampf
f?hren lassen, der f?r jeden und jede ein Versprechen
beinhaltete. So zeigte er sich gegen?ber Israel und
dem Ausland als demokratischen Staatsmann, liess in
den Fl?chtlingslagern die verstorbenen Hamasf?hrer
Rantisi und Scheich Yassin wieder aufleben, beschwor
das R?ckkehrrecht der Fl?chtlinge und betitelte Israel
als den zionistischen Feind. Dass dieses breite
Angebot an Versprechen auch dementsprechende
Erwartungen weckt, sollte dem erfahrenen Politiker
eigentlich klar sein. Er wird nicht darum herumkommen,
f?r diese als Pr?sident geradezustehen.

7.1.05
Mustafa Barghuti auf W?hlerjagt
Einen Tag auf Reise mit dem Oppositionskandidaten
Der unabh?ngige Pr?sidentschaftskandidat Mustafa
Barghuti gilt als der st?rkste Herausforderer des
PLO-F?hrers Mahmud Abbas. Barghuti fordert
demokratische Reformen und die Bek?mpfung von
Korruption in der Autnonomiebehrde. Dass er seine
Wahlkampfrhetorik je nach Publikum anzupassen weiss,
zeigte er auf einer Tour durchs Westjordanland.

kw. 6. Januar, Ramallah
Die Wahlhelferin Alia Siksik kurbelt mit Genugtuung
das Fenster ihres Autos herunter und zeigt auf ein
Plakat am Strassenrand zwischen Ramallah und Birzeit.
Mustafa Barghuti, der Oppositionskandidat, schaut den
vorbeifahrenden Autofahrern durch seine Brillengl?ser
nach. Unter seiner Fotografie werden die Pal?stinenser
mit dem Slogan ?Legt die pal?stinensischen
Angelegenheit in vertrauensw?rdige H?nde? zur Urne
gebeten. Der 50-j?hrige Kandidat, der vor allem als
Arzt und Mitbegr?nder der Vereinigung Medical Relief
und als Sekret?r der demokratischen
Oppositionsbewegung Palestinian National Initiative
bekannt ist, hat nach Angabe des Palestinian Center
for Policy and Survey Research im Wahlkampf um den
freien Sitz des pal?stinensischen Pr?sidenten an Boden
gewonnen: 22 Prozent der Pal?stinenser wollen nach
neusten Angaben ihre Stimme Barghuti geben, der damit
zu Mahmud Abbas (65 Prozent) gr?sstem Konkurrenten
avancierte. Barghuti glaubt, dass er vor allem der
Kandidat der stillen Mehrheit sei. Er werde diese
Stimmen gewinnen, die weder Fatah noch radikale
Parteien und Bewegungen w?hlen w?rden.


Wunsch nach Wechsel
?Wir wollen ?nderung, deshalb wollen wir Mustafa
Barghuti?, sagt Tamer Walid Student der Universit?t
Birzeit und fasst damit zusammen, was sich die
Anh?nger Barghutis erhoffen: Wechsel und Erneuerung
der verkrusteten politischen Strukturen. Der PLO-Chef
Abbas sei in seiner kurzen Amtszeit als
Premierminister alles andere als ?berzeugend gewesen,
kritisiert der Student. Auch von den Oslo-Abkommen,
bei denen Abbas einer der Architekten war, h?lt er,
wie viele Pal?stinenser, wenig und deshalb sei ihm
Barghutis anti-Oslo Kampagne ganz recht.
Mustafa Barghuti er?ffnet an diesem Donnerstag Morgen
seinen Wahlkampftag im kleinen Auditorium der
Universit?t Birzeit. Er gliedert sein Programm in vier
Punkte: erstens gelte es die Apartheitspolitik zu
bek?mpfen, zweitens m?sse die nationale Einheit
gest?rkt werden, drittens m?sse die Sicherheit
hergestellt werden (vor allem in Gaza, wo Gesetzes-
und Rechtlosigkeit herrsche und viertens w?rde er
sofort Gesetztesreformen herbeif?hren, sollte er denn
gewinnen. Bei den Gesetztesreformen stellt er
Parlamentswahlen, eine neue Regierung, mit einem vom
Parlament gew?hlten Ministerpr?sident, an vorderste
Stelle. Aber auch die Schaffung einer unabh?ngigen
Judikative, die Begrenzung der pr?sidialen Amtszeit
und die Bek?mpfung der Korruption setzt er auf die
politische Pendenzenliste. Wie er dieses Programm
verwirklichen will, erl?utert er nicht. Doch radikale
Gruppen wie Hamas oder Islamischer Jihad sind nach
seiner Meinung kein Problem. Diese h?tten bereits f?r
einen Waffenstillstand eingewilligt - unter der
Bedingung, dass sich auch die israelische Armee daran
halte.
So sauber sich der Kandidat gibt, so kritisch sind
seine Zuh?rer und die Leute auf der Strasse, die in
Barghuti zwar einen guten Arzt, gekonnten Rhetoriker
und Selbstdarsteller sehen, sich jedoch fragen, von wo
die Millionen f?r seine Wahlkampagne kommen und wieso
so viele Angestellte von Medical Relief in der
Wahlkampagne involviert sind. Barguthi beruft sich auf
Spenden aus dem In- und Ausland, seine Helfer preist
er als seine Freiwilligen und die Kritik tut er als
Schmierenkampagne der Fatah ab. Andere Kritiker nennen
ihn ein F?hnchen in der politischen Bise. So w?rden
sie gerne wissen, wie Barghuti ein teures Studienjahr
an der Standford Universit?t, das er von 1994-1995
absolviert hatte, mit der kommunistischen Ideologie
der Palestinian Peoples? Party, der er damals
angeh?rte, vereinbaren konnte. Barghuti sagt, dass er
sich heute nicht mehr sicher sei, wirklich ein
Kommunist gewesen zu sein. Viel mehr fordere er
soziale Gerechtigkeit.

Wahlkampf am Checkpoint
Vor den Internationalen Medien gibt sich Barghuti als
den Kandidaten, der in einem unfairen Wahlkampf den
Weg eines Samariters geht. Anders als Mahmud Abbas,
h?tte er keinen freien Zugang zu allen St?dten und dem
Gazastreifen und sei deshalb den israelischen Soldaten
ausgeliefert. So wurde er am Tag zuvor nach seiner
Wahlkampagne in Gaza f?nf Stunden am Checkpoint
festgehalten, zudem h?tten ihn die Soldaten nicht in
die Altstadt von Hebron gelassen und er sei in
Jerusalem verhaftet und in der Jenin Gegend von
israelischen Soldaten geschlagen worde. Um den
Durchgang an den Checkpoints zu erleichtern, begleitet
Ulla Sandbaek, eine ehemalige d?nische Abgeordnete im
EU Parlament, den Pr?sidentschaftskandidaten in seinem
Jeep. Auf dem Weg in die kleinen D?rfer in der Nablus
Gegend erweist sich Sandbaeks Pr?senz als n?tzlich.
Soldaten haben Nagelketten ?ber die Strasse gelegt und
lassen nur die israelischen Wagen mit gelben
Nummernschildern und jene Fahrer mit spezieller
Bewilligung f?r die Nablus Gegend passieren. W?hrend
ein Soldat eine Ambulanz untersucht und ein gr?nes
Operationstuch auseinanderfaltet, schickt ein anderer
Soldat drei Autos zur?ck. Ein Siedlerbus man?vriert an
den Hindernissen auf der Strasse und den wartenden
Autos vorbei. Auch der Minibus der Wahlhelfer muss
umdrehen und die Aussage ?das ist ein
Pr?sidentschaftskandidat? n?tzt vorerst nichts. Der
Fahrer macht sich darauf gefasst einen weiten Umweg
fahren zu m?ssen, um die D?rfer zu erreichen, doch
Sandbaeks EU Parlamentsausweis ?ffnet schliesslich
auch der kleinen Wahldelegation den Weg ins Hinterland
von Nablus.

Der Kandidat der Armen
Der Weg zum Fl?chtlingslager Farah ist von derart
vielen Schlagl?chern ges?umt, dass sich die
Geschwindigkeit der Fahrzeuge dem Tempo der Esel
anpasst, die auf der Strasse dahin traben. Dann kurz
vor dem Fl?chtlingslager blockiert ein Laster, auf dem
normalerweise Schafe transportiert werden, den Weg.
Jungs, die Keffiyas um die Stirn gebunden haben und
pal?stinensische Flaggen und solche der Popular Front
for the Liberation of Palestinian (PFLP) schwingen,
halten Boxen, aus denen in voller Lautst?rke arabische
Musik ert?nt. W?ren nicht die Slogans ?Ja zu Mustafa,
dem wahren Kandidaten, der dieses Land zur Freiheit
f?hrt? und die Wahlplakate auf den K?hlerhauben,
k?nnte der politische Trupp mit einer
Hochzeitsgemeinschaft verwechselt werden.
Im Fl?chtlingslager feuern M?nner Raketen von einem
Dach und Kinder mit spitzen Papph?ten dr?ngen sich um
Mustafa. ?Willkommen Kandidat der Armen?, jubeln zirka
vierhundert M?nner. Als Barghuti das Mikrophon
ergreifen will, ruft der Muezzin zum Gebet und der
sonst wenig religi?se Mann kommt nicht um einen Besuch
in der Moschee. ?Hier in den Fl?chtlingslagern lieben
ihn die Leute, weil er an das R?ckkehrrecht der
Fl?chtlinge glaubt?, erkl?rt Alia Siksik den warmen
Empfang. Dass er seine Rhetorik je nach Publikum
anzupassen weiss, zeigt Barghuti mit einer Lobhymmne
auf die get?teten Hamas F?hrer Rantisi und Scheich
Yassin.

?Dann w?hlt mich?
Auf der Fahrt zum n?chsten Dorf Tammun, zeigt sich
Barguthi begeistert. Immer wieder bet?tigt er die
elektrische Fensterschaltung und l?sst die get?nten
Scheiben verschwinden, um den Leuten zuzuwinken. Was
er denn f?r diese Menschen, die meistens ohne Arbeit
sind, tun k?nne? Zuerst m?sse er das politische System
?ndern, antwortet Barghuti, und z?hlt einmal mehr auf,
wie wichtig eine unabh?ngige Judikative sei. Und was,
wenn er nun nicht zum Pr?sidenten gew?hlt w?rde? Dann
werde er wie bisher der F?hrer der Opposition bleiben.

In Tammun wartet die m?nnliche Dorfgemeinschaft
bereits auf dem Platz neben dem Friedhof. M?nner
lassen ihre Gebetsketten durch die Finger gleiten,
Frau sind nicht sichtbar. Der Dorfapotheker sitzt
zwischen Gestellen mit Pampers und Haar?l hinter dem
Tresen. Mustafa sei nicht ehrlich, deshalb stimme er
f?r Abu Masen, sagt der Mann. Auf der anderen Seite
des Platzes wartet ein Alter auf Kundschaft f?r seinen
Kr?merladen mit den leeren Boxen, in denen einst
Schokoladenstengel gelegen haben. Er will f?r Barghuti
stimmen, weil dieser der Beste sei. Auf dem Platz
fragt Barghuti die Versammelten, ob sie mit der
Situation, in der sie lebten zufrieden seien. Ein
?Nein? raunt durch die Menschenmenge. ?Wollt ihr
Wechsel??, klingt Barghutis Stimme vielfach verst?rkt
durch die Boxen auf dem Schaflaster. ?Ja!? schreit nun
die Menge und Barghuti antwortet: ?Dann w?hlt mich.?

Am Freitag pilgert Mustafa Barghuti nach Jerusalem, um
den Tempelberg zu besuchen. Trotz einer Bewilligung
wird er noch in der Altstadt verhaftet und in die
Polizeistation gebracht. Seine Helfer k?nnen vorerst
keinen Kontakt mit ihm aufnehmen.

PS: Als ich mit meinem deutsch-jordanischen Kollegen
Yassin den Wahltrupp Barghutis verlasse, fahren wir
mit dem Taxi von der Nablus-Region zurueck nach
Ramallah. Auf dem Weg steht eine lange Autoschlange
vor einem Checkpoint. Wir steigen aus und gehen zu
Fuss an den Autos vorbei auf die Soldaten zu. Kurz vor
ihnen schreit uns ein Soldat auf Hebraeisch an. Wir
stoppen. "Ich haette euch beinahe erschossen", sagt er
und wir antworten, dass er das doch lieber bleiben
lassen solle. Mit unseren internationalen Paessen
sollten wir und unser Taxi eigentlich einfacher durch
den Checkpoint kommen. Der Mann ist pissig und mir
liegt eine nicht ganz koshere Bemerkung auf den
Lippen, die ich mir dann aber verkneife. Als wir
unsere Paesse zeigen und er merkt, dass wir Deutsch
sprechen, antwortet er in properem Deutsch mit
russischem Akzent und fragt uns, was wir denn hier
machen. Dass wir Journalisten seien, antworten wir und
ich frage ihn, was ihn denn in diese Weltgegen fuehrt.
Wieso denn nicht hierherkommen? sagt er und verweist
darauf, dass meine israelische Pressekarte abgelaufen
ist. Die Bemerkung, dass seine Kollegen im Bet Agron,
dem Medienhaus in Israel, ziemlich muehsame und
langsame Arbeiter sind, erspare ich mir. Auch bin ich
froh, zu beginn geschwiegen zu haben. Wer weiss, wie
lange wir sonst gewartet haetten.
11.1.05 09:42





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