weblog von karin wenger
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Liebe Ramallah-Freunde

Waehrend das politische Parket in Ramallah langsam
bevoelkert wird, beschaeftigen mich im Moment die
alltaeglichen Dinge: Wohnungssuche. Aber auch dieser
Alltag ist in Ramallah eine Geschichte wert.

Mit bestem Gruss
Karin

Alles begann damit, dass Nasar auf der Veranda
schlafen wollte. Eliana str?ubte sich mit ihrem ganzen
sizilianischen Temperament dagegen, bezeichnete das
Schlafen auf dem Sofa als unhygienisch und Nasar als
gemeinschaftsuntauglich. Nasar, der Beduine aus
Hebron, argumentierte, dass er sich in seinem
?Homeland? befinde und deshalb tun und lassen k?nne,
was ihm beliebte. Der Franzose und ich erf?llten die
heimischen Stereotypen und versuchten mit allen
Mitteln der Kommunikation und allen Finessen der
Rhetorik Frieden zu stiften. Und als wir alles bereits
verloren glaubten, fanden Nasar und Eliana auf
mysteri?se Art und Weise zueinander ? so nahe, dass
die Frage mit dem Schlafplatz zu einer zweisamen
gemeinsamen wurde.
Doch Friede in diesem heiligen Land ist ein
zerbrechliches Gut. Und wie die meisten die zu lange
in Pal?stina sind und nur davon tr?umen weg zu kommen,
hat sich auch Nasars und Elianas Aggressionspegel und
das Bed?rfnis nach allen m?glichen Drogen merklich
erh?ht. So kam es dann bald nach der Verandageschichte
zu hitzigen Debatte ?ber G?ste und Parties und
Einsamkeitsbed?rfnis und Badezimmerputztage.
Diskussionen der Diskussion willen und in einem Ton,
gefletschten Z?hnen und gerollten Augen wie man das in
der Schweiz vor allem im Ethno-Kino sieht. Kurzum: ich
beschloss auszuziehen. Um weiteren kulturellen
Explosionen preventiv vorzubeugen und weil mein
Schweizer Kollege in einem Haus wohnt, bei dem das
Wasser von der Decke tropft, der Vermieter regelm?ssig
die Stromrechnung f?lscht und die israelischen
Soldaten gerne die Strasse besuchen, beschlossen wir
gemeinsam eine Bleibe zu suchen.

Wenn die Suche nach einer geeigneten Telefonkarte
bereits ein Abenteuer ist, kann man sich den
exponentiellen Anstieg der Schwierigkeit in der Suche
nach einer neuen Wohnung vorstellen. Mein Vermieter,
ein ehemaliger Blumenh?ndler und heutiger
Melancholiker und Alkoholiker, ein Mensch mit einem
Herz, das f?r Blumen und Hunde schl?gt und einem
Schnurrbart der alten Schule ?ber den Lippen, fuhr
mich zu allen m?glichen Freunden mit H?usern und
Zimmern. Doch die einen waren zu teuer, die anderen zu
kalt, die dritten zu grossmutterhaft. Nur eines, ein
Haus, alt mit armlangen dicken Mauern und einem wilden
Garten und dem Charisma eines Schamanen im Zentrum der
Stadt schloss ich sofort ins Herz. Doch der Vermieter
wollte nicht vermieten ohne seine Mutter zu fragen und
seine Mutter schlief und sie schien alle Tage 24
Stunden lang zu schlafen.

Dann war da die Wohnung, die uns die Chefin des
Palestine Studies Programm vermittelte. Ein Bijou von
einer Wohnung, drei Schlafzimmern, Zentralheizung ?
welch ein Segen in diesem Land -, drei Balkons und
einer Waschmaschine. 600 Dollar dazu alle m?glichen
Nebenkosten m?ssten mindestens durch drei Personen
geteilt werden ? wir waren erst zu zweit.

Heute dann der Tag der Wohnungssuche. Nat?rlich ist
eine Wohnungsb?rse a la Universit?tsanschlagbrett
Z?rich oder Vermittlungsb?ro hier in Ramallah
undenkbar. Hier kennt man Leute und die kennen Leute
und diese Leute haben Wohnungen. Wir kennen Simon.
Simon ist Engl?nder und versucht in irgendeiner NGO
Geld f?r Projekte im Finanzministerium aufzutreiben
und Simons Landlady Hanna hat Wohnungen. Hanna h?lt
das Mobiltelefon noch am Ohr, das vom Kopftuch
verdeckt ist, als sie uns die T?r ?ffnet. Sie zeigt
uns eine Wohnung mit einem verwinkelten Balkon, klein
und fein aber f?r den Preis zu klein. Doch ihre, ja
ihre Schwester, die habe ebenfalls eine Wohnung. Wir
schrauben am Gittertor und gehen um ein Haus, gemacht
aus Jerusalemstein so schwer, dass ich hier kein
Arbeiter sein m?chte. Auf der Veranda h?ngen
Eistrauben und durch eine graue Stahlt?r lugt eine
alte Frau. Wir treten in einen zweimanns hohen Raum,
setzten uns auf Sofas des letzten Jahrhunderts. ?Von
wo kommt ihr, was macht ihr hier?? fragt Rosa und
stellt damit die erste Frage einer ganzen Serie. Wir
sagen: ?500 Dollar ist die Schmerzgrenze? und sie
sagt: ?Eigentlich wollte ich 800 aber ich geb sie euch
f?r 600 Dollar. Nat?rlich ohne Wasser, ohne Gas, ohne
Elektrizit?t.?

Dann also zum deutsch-franz?sischen Kulturzentrum in
der Hoffnung nach einer Handvoll deutscher
Organisation. Auf dem Weg gehen wir an einer
Autowerkstatt vorbei. Davor sitzen drei alte M?nner
und spielen Backgammon. Eine Wohnung? Nat?rlich habe
er eine Wohnung, sagt einer der alten M?nner und
bittet uns auf das Pl?tzchen mit dem Tischchen auf dem
bald zwei neue Tassen mit Kaffee stehen. Nein es sei
keine Wohnung, es sei eine Villa, eine Villa, eine
richtige Villa. Nat?rlich kostet eine Villa. Und so
driftet das Gespr?ch bald zu seinen H?usern, die er
einst in Jerusalem besessen habe und in denen nun die
Juden wohnten. Sp?ter setzt sich ein Architekt aus
Bethlehem dazu und die Diskussion nimmt eine
politische Wendung, mit Abu Masin als zuk?nftigem
Pr?sidenten.

Nach einer Stunde erreichen wir das
deutsch-franz?sische Kulturzentrum. Hier gibt es sogar
ein Anschlagbrett und neben der offiziellen
Wohnungsausschreibung weiss Azzam eine inoffizielle
Wohnung, die ?helo iktiir?, wundersch?n sei und billig
dazu. Nur hat er die Nummer des Vermieters nicht. Wir
hoffen auf unser Gl?ck und marschieren in Richtung
al-Manara Platz, in Richtung des Taxistandes der
Birzeit Taxis davon und w?hrend wir noch verloren die
H?user betrachten, spricht uns ein Mann an, ob wir
denn eine Wohnung suchen.
Wir w?rden sie ?siffig? nennen die Wohnung mit der
Schlauchk?che, der Tapete, die sich von der
Badezimmerdecke l?st und dem ?m?ffeligen? Geschmack.
Doch sie hat was. Sogar eine Veranda. 300 Dollar,
keine Heizung, kein Fernseher, daf?r viel
Feuchtigkeit.

H?ni, wie der Besitzer heisst, hat noch einen Trumpf
auf Lager: ein altes Haus mit Wohnungen beim
al-Kasaba, dem Kino im Zentrum der Stadt. Doch in
dieser w?chst der Schimmel bereits an der Decke und
auf den Kissen und f?r einmal f?llt die Absage
einfach. Doch dann w?re da noch die Wohnung unter dem
Dach, doch die ist ohne das Zauberwort ?mafrusch?,
m?bliert, zu haben. Eine Wohnung aus 1000 und einer
Nacht, aber ?misch mafrusch? bedeutet: keine
Waschmaschine, keine Herdplatte, kein Bett, kein
Stuhl, kein Tisch, kein Frigo. Und weil sich Emanuel
auf Anhieb in die Wohnung verliebt, stiefeln wir
weiter zum n?chsten Waschmaschinenh?ndler und
kalkulieren, dass eine Waschmaschine und eine
Herdplatte bereits Tausend Franken kosten...

Auf dem Heimweg verlaufen wir uns und enden auf dem
Markt. Jungs, die wir nicht kennen, bieten uns
Mandarinen an und ich ziehe meine letzten Lindorkugeln
aus der Tasche. Dann sch?len wir die Bananen und
unterhalten uns ?ber die Sch?nheit und
Gastfreundschaft von Ramallah.

PS: Unser Visaerneuerungstrip nach Amman fand seinen
H?hepunkt in der Heimreise. Auf der jordanischen Seite
nimmt man?s nicht so genau mit der Gep?ckkontrolle,
daf?r wissen die Jordanier wie man den Reisenden sogar
bei der Ausreise noch Geld abkn?pfen kann. Nach zwei
Stunden Wartezeit ? Gr?nde wurden nicht genannt - an
der jordanischen Busstation wurden wir durch
Niemandsland und ?ber die Allenby Bridge zur
israelischen Kontrolle gebracht. Bei dieser Fahrt
?berholten wir vier Busse mit Pal?stinensern, die, wie
wir sp?ter erfuhren, in ihren Bussen am Zoll
?bernachten mussten. Auf der israelischen Seite sahen
wir dann den Grund f?r die Wartezeit: Ein Koffer, in
dem sich angeblich eine Bombe befand. Der Koffer wurde
auf die Wiese vor dem Zollgeb?ude gebracht. Dann
marschierte ein Roboter zum Koffer, ?ffnete ihn,
verstreute alle Kleider auf der Wiese und fand
schliesslich Modellausgaben des Weissen Hauses und
anderer amerikanischer Symbole. Der Koffer geh?rte
zwar einem Muslim, dieser war jedoch soeben von seiner
Reise aus den Staaten zur?ckgekommen. Da das Weisse
Haus den Bombenexperten verd?chtig erschien, wurde es
kurzerhand gesprengt. Sp?ter entpuppte sich die ganze
Aktion als Fehlalarm.
Wir verbrachten am Ende sechs Stunden an der Grenze.
Unser australischer Kollege wurde zwei Extrastunden
lang bis auf die Unterw?sche untersucht. Das 3-Monats
Visum haben wir am Ende trotzdem erhalten.
2.12.04 20:33


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