weblog von karin wenger
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Guten Abend
Heute habe ich gemeinsam mit einer Meute internationaler Journalisten Stunden mit Warten verbracht. Auch das kann interessant sein.
Gruss Karin

Auch wenn der Tod von Yassir Arafat noch nicht offiziell best?tigt ist, wird in Ramallah bereits an seinem Grab gebaggert ? und an seiner Legende gebaut.

Stinkend und hupend bahnt sich ein Bagger seinen Weg durch die Medienmeute vor der Mukataa, Arafats Hauptquartier in Ramallah. Dem Bagger folgen Lastwagen mit leeren Ladefl?chen. ?Jetzt kommen sie, die Totengr?ber?, sagt einer von Arafats Adoptivs?hnen und sch?ttelt den Kopf. Die Soldaten schieben das Eisentor auf und w?hrend einer die Kameraleute mit seiner Kalschnikow auf ihre Pl?tze verweist, wird der Lastwagentross von der Mukataa verschluckt, das Tor geschlossen. Seit dem fr?hen Morgen herrscht reger Verkehr vor der Mukataa: Mahmud Abbas, der Generalsekret?r der PLO, Achmed Kurei, der Ministerpr?sident, Nabil Schaath, der Aussenminister und die Fatahspitze haben sich in der Mukataa versammelt, um ?ber das weitere Vorgehen im Totentantz um Arafat zu entscheiden. Neuigkeiten dringen jedoch nicht nach aussen ? zumindest keine offiziellen. Arafats Adoptivsohn kehrt nach einem kurzen Rundgang innerhalb der Mukataa zur?ck. ?Arafat soll hier
beerdigt werden und deshalb wird nun der Platz sauber gemacht.? Obwohl das Hauptquartier zum Sinnbild eines zertr?mmerten Staats geworden ist, gleichzeitig ist es das Symbol des Widerstands und der Ort, in dem Arafat seine letzten Jahre verbracht hat.

Spaeter bringt mich Arafats Adoptivsohn wieder durch den Hintereingang in das Gebaeude und Arafats Buerau. Der Mann hat sich in den letzten Tagen eine Pistole gekauft, man wisse nie, sagt er und denkt dabei an die verschiedenen Sicherheitsdienste, die ihren blutigen Beitrag im Gerangel um den Pr?sidentensitz leisten k?nnten. ?Jeder, der noch eine Rechnung offen hat mit irgend jemandem hier, wird sie in den n?chsten Tagen begleichen. Wer sollte das verhindern??, fragt sich der Adoptivsohn.

Vom Innenhof dringt das Ger?usch von stampfenden Schuhsohlen in das B?ro. Befehlen werden geschrien. Junge M?nner ohne Uniform stellen sich in f?nf Reihen
auf und nehmen Marschkommandos in Empfang. Sie werden namentlich aufgerufen. Rund 150 M?nner sind heute in die Mukataa gekommen, um Arafats Garde zu verst?rken. Sie kommen aus Dschenin, Nablus, Bethlehem und wollen verhindern, dass es bei der Beerdigung des Rais zu Zwischenf?llen kommt. W?hrend viele Pal?stinenser das Grab des Pr?sidenten in Jerusalem fordern und auch bereit sind, sich daf?r einzusetzten, soll dies Arafats Garde ironischerweise verhindern.

Auch die Grabst?tte von Arafat ist bereits markiert. Sie besteht aus einem St?ck Gras, das dringen Wasser ben?tigte. Ein verkohltes Autowrack und eine K?hlerhaube liegen unter den acht B?umen, wo einst ein G?stehaus f?r Arafats Staatsbesuch gestanden hat. Bagger schaben sich tr?ge ?ber das Gel?nde und hieven
die zerquetschten Autos, die seit der israelischen Invasion als PR-taugliche Ohnmachtsdemonstration auf dem Gel?nde gelegen haben, auf die Trucks. Auf einer
Mauer sitzen Soldaten der Nationalgarde in Badelatschen und schauen dem Treiben gelangweilt zu. ?Was wissen wir schon, was passiert?? fragt einer von ihnen und antwortet gleich selbst: ?Wahrscheinlich nichts.?

W?hrend sich die Mukataa in einen Ort f?r Spekulationen und Informationsebbe verwandelt, werden zumindest die Studenten der Universit?t Birzeit aktiv. Am fr?hen Nachmittag machen sich zirka 400 Studenten auf den Weg nach Ramallah, um f?r Arafat zu demonstrieren. Nicht nur der Surda-Checkpoint soll die Truppe am weiterkommen hindern, sondern auch Soldaten, die mit Tr?nengas und Sch?ssen gegen die Steine werfenden Jugendlichen anzuk?mpfen versuchen. Nach zwei Stunden marschieren die Studenten in Ramallah ein. ?Wir wollen Kurei nicht, wir wollen Abbas nicht, wir wollen nur Arafat?, schreien sie in Sprechslogans
und schwingen duzende der schwarz-weissen Pal?stinensert?cher in der Luft. ?Arafat ist unser einziger F?hrer?, sagt die Geschichtsstudentin Nariman Azam. An eine Zukunft ohne den charismatischen F?hrer wollen die Jugendlichen hier nicht denken. ?Abbas, Kurei und alle anderen kochen in der politischen K?che, aber niemand spricht mit uns, niemand sagt uns, was eigentlich passiert?, ereifert sich Omar Deriah, der in Birzeit Informatik studiert. Er glaubt nicht an die angek?ndigten demokratischen Wahlen, da sie bereits zum vornherein von den lokalen F?rsten manipuliert w?rden. ?Arafat war unser erster und einziger F?hrer. Nun liegt er im Sterben.? F?r Omar war Arafat mehr als ein Pr?sident: ?Er war ein Revolution?r. Wer nach ihm kommen wird, sind M?nner, die St?hle h?ten und Geld in ihre Taschen scheffeln.?

PS: Medienleute ? vor allem die Kamerajungs - sind ein ziemlich agressiver Haufen und eine Studie fuer sich. Ich konnte sie heute beim langen Warten gruendlich betrachten. Interessant ist auch das Geschaeft mit den Medien. So hat der Besitzer des einzigen Hochhaus im Rohbau mit Blick auf den Innenhof der Mukataa, seine unfertigen Wohnungen an Medienleute vermietet. BBC und CNN haben sich das oberste Stockwerk gekrallt und bezahlen dafuer 5000 Dollar fuer fuenf Tage. Im untersten Stockwerk sitzt European Television fuer 2300 Dollar. Neben der Mukataa wird das Dach der Haeuser vermietet und die Besitzer koennen mit dem Geld wohl endlich den Anbau fertig bauen, der seit meinem Aufenthalt hier ein Eisenskelett ist.
11.11.04 23:49


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